Mädchen von Nonnen missbraucht
Von Brigitte Warenski
Innsbruck, Wien – Von der Mutter als Baby weggegeben, in mehrere Heime gesteckt, in die berüchtigte Nowak-Vogl-Kinderpsychiatrie eingewiesen, zwei Selbstmordversuche. Die inzwischen 49-jährige Tirolerin hat in ihrer Kindheit die Hölle durchlebt, wie sie der Tiroler Tageszeitung erzählt.
Besonders die fünf Jahre in Martinsbühel bei Zirl – ein Kinderheim, das von den Benediktinerinnen geführt wurde – sind in ihren Albträumen allgegenwärtig. „Wir mussten Erbrochenes essen. Wer nicht still war, musste stundenlang kniend mit einem Besenstiel im Mund ausharren. Wir wurden zur Zwangsarbeit aufs Feld geschickt und das um fünf Uhr in der Früh“, so die Frau.
Doch schrecklicher als Demütigung und Gewalt war der sexuelle Missbrauch. „Das erste Mal verging sich eine Ordensschwester auf der Toilette mit einer Klobürste an mir“, sagt das ehemalige Heimkind. Erst acht Jahre war sie damals, tagelang hatte sie Schmerzen im Vaginalbereich, die Nonnen erzählten den anderen Mädchen, sie sei unwohl. Im Laufe der Jahre vergingen sich die Benediktinerinnen, aber auch weltliche Aufseherinnen zahlreiche Male in ähnlicher Weise an dem Mädchen. „Dass Frauen so sadistisch sind, kann eine Nichtbetroffene fast gar nicht glauben. Immer wieder habe ich versucht, über das Erlebte zu sprechen, aber zugehört hat mir früher niemand, nicht einmal die Psychiater, mit denen ich nach meinen Selbstmordversuchen Kontakt hatte“, erzählt die 49-Jährige. Dass nicht nur sie, sondern auch andere Mädchen, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammten, sexuell missbraucht wurden, ist für das ehemalige Heimkind klar. „Die Schwestern haben sich auch mit anderen Mädchen zurückgezogen. Ich gehe an die Medien, weil ich hoffe, dass weitere Opfer ihre Scham überwinden können und über die Vergehen sprechen. Und ich hoffe, dass sich so etwas nie wiederholen kann.“
Die Täterinnen sind inzwischen verstorben, das Heim wurde vor fünf Jahren geschlossen. Das Martyrium der Tirolerin liegt im Bericht einer Therapeutin bei der Opferschutzanwaltschaft in Wien. Noch in diesem Jahr wird sich entscheiden, ob und wie hoch die Tirolerin von der Klasnic-Kommission (für Opfer kirchlicher Gewalt zuständig) entschädigt wird. Geld, das sie dringend braucht, denn die Heimvergangenheit hat schwere Depressionen ausgelöst, die Frau ist großteils arbeitsunfähig. „In unserer nächsten Sitzung beraten wir über die Tirolerin und ähnliche Fälle, in denen Frauen Täterinnen waren“, so Herwig Hösele, Sprecher der Opferschutzanwaltschaft. Der Mutterorden der Benediktinerinnen im schweizerischen Melchtal „entschuldigt“ sich für das Geschehene. „Ich kenne die Umstände in Martinsbühel in den 70er Jahren nicht wirklich. Aber ich finde es furchtbar, was da geschehen ist“, so Priorin Daniela. „Ich kann nur sagen – nicht als Entschuldigung, aber vielleicht zum Verständnis –, dass die Schwestern überfordert waren. Sie waren nicht ausgebildet und hatten Tag und Nacht mit großen Gruppen von teils schwierigen Kindern zu tun.“
aktualisiert: Mi, 31.10.2012 11:14






