Tratter will am Geldhahn drehen
Wie sieht denn Ihre Vision in der Raumordnung aus? Wohin soll es gehen?
Johannes Tratter: Es gibt mit dem ZukunftsRaum und mit der Nachhaltigkeitsstrategie sehr gute Grundlagen. Die Raumordnung ist ein wichtiges Gestaltungselement, aber man sollte sie nicht isoliert betrachten. Viele Fragen haben einen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bereich. Die Ziele sind, den Wohlstand zu erhalten oder noch auszubauen, Wohnraum zu schaffen und Platz für Gewerbe zuzulassen und damit möglichst die Umwelt zu schonen. Das dritte Ziel muss sein, die sozialen Systeme zu erhalten bzw. noch gerechter zu machen.
Der ZukunftsRaum war ein ambitioniertes Projekt, dem dann die Giftzähne gezogen wurden, letztlich fehlt es an der Umsetzung. Fehlt der Zukunft ein Kümmerer?
Tratter: Ich glaube nicht, dass es an der Umsetzung fehlt. Ich verweise auf die erfolgreich agierenden Planungsverbände. Ein Beispiel ist der Planungsverband Zillertal, wo man jetzt an einer Zukunftsstrategie für das Zillertal arbeitet. Zu sagen, das lebt gar nicht, ist sicher falsch. Dass man einige Dinge noch etwas vertiefen könnte, sehe ich auch. Ich sehe mich mit meinen Mitarbeitern, die hervorragende Arbeit leisten, schon als Kümmerer.
Wenn man mit Raumordnungsexperten spricht, ist des Pudels Kern immer derselbe: das Kirchturmdenken. Wie sieht denn die Strategie aus, um das Wettrüsten der Gemeinden zu verhindern?
Tratter: Die finanzielle Lage der Gemeinden ist angespannt, da braucht es Kooperationen. Die Zusammenarbeit verschafft Gemeinden Spielräume, um selbst wieder gestalten zu können. Das kann von sozialen über Bau- bis hin zu Gewerbeprojekten reichen.
Gerade bei den Gewerbegebieten gibt es einen Wildwuchs. Da kommen die Lenkungsversuche vom Land spät. Hätte man nicht früher eingreifen müssen?
Tratter: Ich orte bei vielen Bürgermeistern, dass die Bereitschaft zur Zusammenarbeit sehr hoch und ein Umdenken im Gange ist. Es entstehen Gewerbegebiete, die gemeinsam gebaut werden und wo die Kommunalsteuer aufgeteilt wird. Sportanlagen werden gemeinsam errichtet. Das entlastet die einzelnen Gemeinden beim Bau und bei der Erhaltung. Der Bodenfonds ist dabei ein wichtiges Instrument. Zu spät ist es nicht. Die Ansätze sind nicht neu, in diese Richtung wird schon seit ein paar Jahren gearbeitet.
Das Land setzt den Hebel bei den Förderungen an und dreht am Geldhahn.
Tratter: Zusammenarbeit wird über den Gemeindeausgleichsfonds (GAF) belohnt. Wenn eine Gemeinde ein Gewerbegebiet alleine baut, gibt es keine GAF-Mittel, wenn mehrere zusammenarbeiten schon. Nicht jede Gemeinde kann über eine Infrastruktur wie ein Ballungsgebiet verfügen. Regionales Denken muss noch stärker in den Köpfen verankert werden.
In Tirol zieht es immer mehr Menschen in die Ballungsräume. Wie will man denn die Landflucht stoppen?
Tratter: Wir haben ganz unterschiedliche ländliche Räume. In einem Einzugsradius von einer halben Stunde bis zum Ballungsraum gibt es wenig Probleme im ländlichen Raum. Auf der anderen Seite haben wir Gebiete, wo eine Absiedelung droht. Da kann man mit der Raumordnung nur bedingt eingreifen.
Mit Absiedelung haben das Lechtal bzw. Teile der Bezirke Lienz und Landeck zu kämpfen. Was tun?
Tratter: In diesen Gebieten geht es nicht um die günstige Wohnraumbeschaffung. Bauen ist dort ohnehin billiger. Da ist die Herausforderung an die Raumordnung, dass eine zu hohe Zersiedelung verhindert wird, die die Gemeinden finanziell belastet. Um den ländlichen Raum attraktiv zu halten, ist es wichtig, Arbeitsplätze und die Ansprüche, die man heute an die Daseinsfürsorge stellt, anzubieten.
Eine Landflucht-Studie aus der Steiermark, aber auch die Ergebnisse des Interreg-Projekts Access in Landeck haben gezeigt, dass sich die Gemeinden zu wenig um die Jungen kümmern. Sehen Sie das auch so?
Tratter: Um zu verhindern, dass junge Menschen abwandern, müssen wir es schaffen, ein Mindestniveau an sozialen, kulturellen, bildungstechnischen Angeboten auch in den entferntesten Regionen zu gewährleisten. Wenn die Jungen abwandern, kommt es zu einer Überalterung und damit wird es schwieriger, die Struktur zu erhalten.
Die örtliche und überörtliche Raumordnung haben es zugelassen, dass in Tirol sehr viel an der Peripherie gebaut wird und die Ortskerne aussterben. Sterben unsere Stadtzentren aus?
Tratter: Bevor man neue Flächen am Ortsrand für den Wohnbau anreißt, wäre es sinnvoller, die Ortskerne zu beleben. In meiner Heimatstadt Hall war die Altstadt vor 30 Jahren sehr dünn besiedelt. Die Häuser waren verfallen. Durch die Umsicht der Politik wurde der Ortskern attraktiviert. Heute wohnen wieder über 2000 Menschen in der Altstadt, Gewerbe hat sich angesiedelt und sorgt für Arbeitsplätze. Wenn wir das alles am Rand hätten ansiedeln müssen, hätte Hall noch mehr Fläche verbraucht.
Da ist Hall eine löbliche Ausnahme. In anderen Städten wie Schwaz, Wörgl, Telfs oder Imst ist genau das Gegenteil passiert.
Tratter: Primär sind hier die Gemeinden im Rahmen. Das Land unterstützt durch gezielte Förderprogramme, wie z. B. dem Stadtkern- und Ortsbildschutzgesetz, der Dorferneuerung oder auch der Wohnbauförderung und Wohnhaussanierung.
Das Gespräch führte Anita Heubacher






