15.07.2012
Tirol

Gewalt gegen Eltern als Tabu

Ein 15-Jähriger, der vor Gericht steht, weil er die Eltern attackiert: Das passiert selten. Kinder, die ihre Eltern schlagen, gibt es aber öfters.
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Von Liane Pircher

Innsbruck – Der Sohn haut dem Vater eine runter, die Tochter bedroht die Mutter: Auch Kinder üben häusliche Gewalt aus: „Das ist ein großes Tabuthema, über das keiner gerne redet. Aber es ist Realität, dass manche Kinder ihre Eltern attackieren – körperlich wie psychisch“, sagt Maria Steinmayr-Gensluckner, Kinder- und Jugendpsychiaterin an der Klinik Innsbruck.

Darüber reden will niemand: „Viele Eltern fühlen sich hinsichtlich der Gewaltausbrüche ihrer Kinder allein gelassen und erleben ihre Situation als ausweglos. Vor allem für Mütter mit gewalttätigen Söhnen scheint die Situation unveränderbar zu sein, da sie meist in einer engen emotionalen Beziehung zu ihrem Kind stehen“, erklärt Angela Federspiel vom Gewaltschutzzentrum Innsbruck.

Allein dort verzeichnete das Team 2011 insgesamt 63 Personen – 58 davon männlich, fünf weiblich –, die gegenüber ihrer Mutter oder ihrem Vater gewalttätig geworden sind. Von den Tätern waren 22 minderjährig. Alle Fälle waren keine einmaligen Ausbrüche: Jedes dieser Kinder hat bereits zuvor regelmäßig einen oder beide Elternteile angegriffen, verbal oder physisch – mit dem Ziel, die Autorität der Eltern anzugreifen. „Parent Battering“ nennt die Fachwelt das Phänomen. „Es kann viele Ursachen dafür geben, Eltern sollten das Thema aber nicht aus Scham verharmlosen, sondern Hilfe aufsuchen“, sagt Steinmayr-Gensluckner. Wie viele Fälle es von Elternmisshandlung in Österreich gibt, weiß niemand.

Mehrere US-Studien gehen davon aus, dass 9 bis 14 Prozent aller Eltern irgendwann von ihren jugendlichen Kindern physisch angegriffen werden. Oft sind Themen wie Ausgehen, Telefonieren, Internetkonsum ein Streitpunkt. „Buben agieren öfters körperlich, Mädchen attackieren Eltern eher psychisch“, erklärt auch der Kinder- und Jugendpsychiater Matthias Nienhusmeier. Es gibt Anzeichen dafür, dass alleinerziehende Elternteile öfters das Ziel von Angriffen sind und dass Kinder, die Gewalt erlebt haben, selbst eher zu Gewaltanwendung neigen. Häufig agieren diese Kinder aus Enttäuschung und Wut. Immer aber handelt es sich um eine Machtumkehr, die der ganzen Familie Schaden zufügt.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 15.07.2012
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