16.07.2012
Innsbruck

Fünf Jahre gratis, aber nicht umsonst

Der Innsbrucker Kostnix-Laden blickt auf die ersten fünf Jahre zurück und findet Nachahmer in Südtirol. Vor Kurzem eröffnete in Brixen ein Umsonstladen nach Tiroler Vorbild.

Von Denise Daum

Innsbruck – „Und das kostet­ wirklich nichts?“ – Diese Frage­, formuliert mit hochgezogenen Augenbrauen und misstrauischem Blick, beantworten Hannes Sucher und sein Team aus dem Innsbrucker­ Kostnix-Laden nahezu täglich mit: „Nein, das kostet wirklich nichts.“ Obwohl die Türen des Umsonstladens in der Höttinger Gasse nun seit fünf Jahren geöffnet sind, „verblüfft es immer wieder Besucher, dass es so etwas gibt. Sie können nicht glauben, dass sie hier hochwertige Sachen vorfinden, die sie ohne Gegenleistung mitnehmen können“, sagt Sucher, der Initiator des Projekts. Zu groß ist bei vielen die Hemmschwelle, Dinge aus einem „Geschäft“ einfach bei der Tür hinauszutragen, ohne dafür zu bezahlen.

Nach deutschem und Wiener Vorbild begründete­ Hannes­ Sucher 2007 den ersten Kostnix-Laden in Tirol. Er mietete einen ca. 30 Quadratmeter großen Raum an, unterstützt von Freunden und Bekannten. Aus der losen Gruppe entstand der Verein „Kostnix“, dessen Obmann Martin Bacher ist. Der Wipptaler Student betreut wie andere Vereinsmitglieder und Unterstützer unentgeltlich den Laden, dessen Konzept er so erklärt: „Bei uns kann jeder Gegenstände mitnehmen, die er gebrauchen kann und die ihm gefallen. Ohne Gegenleistung.“ Der Laden steht jeder Person jeden Alters offen, jeder kann etwas mitnehmen, ohne etwas vorbeizubringen, und umgekehrt.

Allerdings gibt es auch einige wenige Vorschriften: so etwa die Drei-Teile-Regel, die besagt, dass ein Besucher pro geöffnetem Tag nicht mehr als drei Dinge mitnehmen darf. „Diese Einschränkung braucht es leider, da es Einzelne gibt, die unser Angebot ausnützen würden“, räumt Sucher ein. Für Sachen, die vorbeigebracht werden, gilt, dass sie voll funktionstüchtig und sauber sein müssen.

Kosmetika und Lebensmittel dürfen nicht abgegeben­ werden. „Dass wir keine Dinge mit Ablaufdatum verschenken dürfen, darüber hat uns vor fünf Jahren – bereits­ am zweiten Öffnungstag – ein Herr vom Marktamt informiert“, erzählt Sucher von dem „Einstandsbesuch“.

Vereinzelt sei bei den abgegebenen Gegenständen auch „Blödsinn dabei, den niemand gebrauchen kann, das sortieren wir aber aus“, erklärt Sucher. Am häufigsten­ werden Bücher und Kleidungsstücke vorbeigebracht, bei den „Kunden“ sind vor allem CDs und Filme beliebt. Neben Spielen, Geschirr und Schuhen sind auch immer wieder wahre Gustostückerln verfügbar, etwa ein Snowboard oder sogar ein Hometrainer.

Verpönt ist es, Dinge zu verkaufen, die vom Laden bezogen werden. Vereinsobmann Bacher erklärt, warum sie strikt gegen ein Weiterverkaufen sind: „Im Idealfall sollten die abgegebenen Sachen dem Geldkreislauf entzogen werden. Sie sollen nur noch ihren Gebrauchswert haben.“ So versuchen die Mitwirkenden nicht nur, die herrschende Marktlogik zu hinterfragen, sondern im kleinen Rahmen auch zu umgehen.

Der Leitgedanke hinter dem Kostnix-Projekt ist, der Konsum- und Wegwerfgesellschaft entgegenzuwirken. Deshalb sehen die Unterstützer­ ihren Umsonstladen nicht als Sozialprojekt, vielmehr verstehen sie ihr Wirken als ein politisches Projekt. Wenn auch die Trennung schwer ist. „Natürlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass es vereinzelt Besucher gibt, die auf unser Angebot tatsächlich angewiesen sind. Unsere Intention ist es aber nicht, sozial Schwachen unter die Arme zu greifen. Wir wollen nicht nur Bedürftige ansprechen, sondern auch jene, die finanziell nicht darauf angewiesen sind“, betont Sucher, der mit seiner Initiative zu einem Umdenken bewegen will.

Improvisationskunst wird Hannes Sucher natürlich auch noch nach fünf Jahren bei der Finanzierung seines Projekts abverlangt. Die Fixkosten für Miete und Strom belaufen sich auf 400 Euro im Monat. Das mag zunächst nicht als horrende Summe erscheinen, allerdings nimmt der Verein im Laden ja keinen­ Cent im herkömmlichen Sinne­ ein.

Die Geldmittel organisiert die Gruppe einerseits durch Spenden und Solidaritätsveranstaltungen, wie Konzerte, Feste und Vorträge. Andererseits bezieht sie seit drei Jahren Förderungen von der Stadt Innsbruck sowie dem Land Tirol, und „sogar von Altbischof Stecher wurden wir einmal unterstützt“, freut sich Sucher.

Auf die vergangenen fünf Jahre blickt der Kostnix-Begründer mit Zufriedenheit zurück, zahlreiche interessante Gespräche und Begegnungen im Laden haben ihn immer wieder in seinem Vorhaben bestätigt. Besonders freut ihn, auch andere mit seiner Initiative inspiriert zu haben.

Erst vor Kurzem eröffnete in Brixen ein Umsonstladen nach dem Tiroler Vorbild. Alexander Nitz vom Haus der Solidarität in Brixen ist einer der Initiatoren des Südtiroler Umsonstladens: „Ein Innsbruck-Besuch hat uns von der Idee überzeugt und mit Unterstützung einer Immobilienmaklerin, die uns kostenfrei ein leerstehendes Objekt zur Verfügung gestellt hat, konnten wir Anfang Mai unseren eigenen Laden eröffnen­“, erzählt Nitz von dem Projekt, das von der Bevölkerung begeistert aufgenommen wird.

Vorläufig ist bis Anfang August­ geöffnet. Nitz und sein Team sind jedoch bemüht, ein Finanzierungskonzept zu entwickeln, um die Kostnix-Idee auch langfristig verbreiten­ zu können.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 16.07.2012
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