21.07.2012
Innsbruck

Ruf nach mutiger Regierung

ÖGB-Chef Otto Leist ist ein Großkoalitionär, der Präsident der Industriellenvereinigung, Reinhard Schretter, kann sich auch andere Koalitionen vorstellen, die Tirol guttäten.

Eine europaweite Studie reihte Tirol bei den Haushaltseinkommen ins erste Drittel, sonst liegen wir immer im Schlussfeld. Gibt es ein Auskommen mit dem Einkommen?

Reinhard Schretter: Wir bezahlen marktkonform. Man muss aber erkennen, dass es eine Personengruppe gibt, die sicher zu kämpfen hat. Wichtig ist, zum Einkommen die Transferleistungen dazuzuzählen.

Otto Leist: Wir haben in Tirol mit dem Handel, der Pflege und dem Tourismus einen sehr hohen Dienstleistungsanteil. Das sind Branchen, die sehr schlecht bezahlen. Dazu kommen die hohen Lebenshaltungskosten. Da kann man nicht auskommen. Ich finde es traurig, dass Menschen, die arbeiten, ihren Unterhalt nicht mehr finanzieren können.

Schretter: Man darf das nicht verallgemeinern und muss sich die Dienstleistungsbranche genau ansehen. Teilzeit und geringfügig Beschäftigte drücken den Schnitt. Im Vergleich zu anderen Regionen ist die Situation in Tirol durchschnittlich besser.

Leist: Es sind keine Einzelfälle und es gibt eine Fluchtbewegung in andere Bundesländer. Die Sozialleistungen in Ehren, aber man sollte nicht darauf angewiesen sein. Das hat viel mit Stolz zu tun.

Schretter: Nach wie vor ist Tirol ein Zuzugsland.

Ein großes Thema ist das Pensionsantrittsalter. Wir sollen länger arbeiten. Gibt es überhaupt die Jobs, aber auch den Willen, das zu schaffen?

Schretter: Die Österreicher gehen durchschnittlich mit 58 Jahren in Pension, gleichzeitig steigt die Lebenserwartung, während die Zahl der Erwerbsjahre sinkt. Das liegt auch daran, dass die Zahl der Ausbildungsjahre gestiegen ist. Vor 30 bis 40 Jahren war das umgekehrt. Wir sind gezwungen, darüber nachzudenken, länger im Erwerbsleben zu bleiben. Man muss unterscheiden, in welcher Branche jemand tätig war.

Leist: Da sind wir nicht weit auseinander. Das Thema ist doch, wie funktioniert altersgerechtes Arbeiten. Wo sind die Arbeitsplätze für Ältere? Ab einem gewissen Alter scheitert man an der Sekretärin, zum Personalverantwortlichen kommt man gar nicht mehr. Neben dem Arbeitsplatz muss ich gesund sein, um arbeiten zu können. Zum körperlichen kommt der psychische Druck am Arbeitsplatz dazu.

Schretter: Immer mehr Unternehmer denken über altergerechtes Arbeiten nach. Wenn es so wäre, dass man ab einem gewissen Alter beim Vorzimmer nicht vorbeikommt, dann wird sich das ändern. Davon bin ich hundertprozentig überzeugt, weil es viel zu wenige Junge geben wird.

Inwieweit ist es hinderlich, dass die Löhne der Mitarbeiter im Laufe der Jahre steigen?

Leist: Wir haben in den Kollektivverträgen das Senioritätsprinzip. Das ist so. Aber nehmen wir den Handel her. Da fängt man mit 18 Jahren an, ab 36 gibt es keine Gehaltssprünge mehr.

Schretter: Über eine Verflachung der Lebenseinkommenskurve sollte man nachdenken. Die Aufwendungen sind in jungen Jahren bei der Familiengründung weit höher als dann ab 50. Eines muss man sagen, ab einem gewissen Alter wird das Nachdenken über den Ruhestand intensiver. Das soziale Umfeld ist so, dass man spätestens mit 60 in Pension geht. Das muss man aufweichen.

Leist: Das kann ich so nicht gelten lassen. Der Druck kommt von Seiten der Unternehmer. Die legen den Mitarbeitern die Pensionierung nahe.

Im April sind Landtagswahlen. Wie zufrieden sind Sie denn mit der Tiroler Landesregierung?

Schretter: Ich glaube, dass die Landesregierung mit Bildung, Standortfragen und Kraftwerksbau auf die richtigen Themen setzt. Wir haben ein gutes Gesprächsklima auch mit der Opposition.

Was passt weniger?

Schretter: Die Umsetzung ist mitunter zu langsam. Wir haben alle miteinander einen Rechtsrahmen geschaffen, der manchmal nicht zulässt, dass es schneller geht. Stichwort Umweltbürokratie. Dennoch brauchte es mehr Mut seitens der Landesregierung, um genau darauf aufmerksam zu machen.

Leist: Mir passt nicht, wenn man schaut, was da an Einkaufstempeln quer durch das ganze Land entstanden ist. Das ist zu viel. Da hätte das Land über die Raumordnung viel machen können. Dann fehlt es mir an Innovationen. Wir müssen mehr in Bildung, in Forschung und Entwicklung investieren. Das ist unsere einzige Chance. Denn in der Masse gehen wir unter. Es wird immer jemand kommen, der es billiger machen kann.

Schretter: Ziel könnte sein, Österreich zum Innovationsland Nummer eins zu machen. Da muss man anerkennen, dass Oberösterreich und die Steiermark schon sehr weit vorne sind. Es braucht eine stärkere Vernetzung zwischen Wirtschaft und den Universitäten. Da wünsche ich mir ein beherzteres Vorgehen.

Sollte die große Koalition von ÖVP und SPÖ in Tirol in Verlängerung gehen, oder braucht es auch einmal einen Wechsel?

Schretter: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es auch andere dem Land guttuende Koalitionen gäbe.

Leist: Was unter Schwarz-Blau passiert ist, haben wir schon erlebt. Da werden wir noch lange darunter leiden. Ich würde für Tirol sagen, machen wir es wie gehabt.

Letztes Jahr haben die Sozialpartner gelobt, mehr zusammenzuarbeiten. Was ist daraus geworden?

Leist: Wir haben uns öfter getroffen und gleich einen weiteren Termin vereinbart. Das gab es vorher nicht. Ich habe keine Berührungsängste.

Schretter: Es ist nicht der Konsens da, den man gemeinhin unter Sozialpartnerschaft versteht. Aber es gibt Dinge, wie beispielsweise in der Energiefrage, wo wir uns gemeinsam äußern.

Das Gespräch führten Anita Heubacher und Peter Nindler

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 21.07.2012
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