Schock nach neuen Vorwürfen
Innsbruck, Schwaz – Es sind dunkle Schatten, die auf der Vergangenheit des Heims St. Martin bei Schwaz liegen. Mit neuen schweren Vorwürfen verdunkelt sich das Bild über die Erziehungsmaßnahmen und den Alltag in den 60ern jetzt ein weiteres Mal. Und die Erzieherinnen, die den Mädchen helfen wollten, hätten damals als Einzelkämpfer keine Chance gehabt, gegen die Mauer „der anderen“.
Es brannte auf der Seele, über Jahre, Jahrzehnte. Doch es dauerte über 40 Jahre, bis eine heute 61-jährige Tirolerin die schrecklichen Vorfälle von damals jemandem erzählen konnte. Wie der Kurier berichtete, behauptet die Frau, 1968 im Heim St. Martin beim Faschingsball von mehreren Soldaten vergewaltigt worden zu sein. Eine Erzieherin hätte sie damals ins Krankenzimmer gerufen, kurz darauf seien laut dem Bericht fünf Männer ins Zimmer gekommen. Die damals 16-Jährige sei dann von einem Soldaten vergewaltigt worden. Ein weiterer soll sie sexuell misshandelt haben. Wer die Männer waren, das wisse die Frau nicht. Zu ähnlichen schrecklichen Vorkommnissen soll es auch 1969 gekommen sein.
Tirols Militärkommandant Herbert Bauer zeigte sich in einer ersten Reaktion „erschüttert“ über die Vorwürfe. „Wir werden den Vorwürfen nachgehen und diese überprüfen.“ Bauer leitete sofort erste Maßnahmen ein. „Da wir nicht ausschließen können, dass es weitere Opfer gibt, haben wir eine Hotline (Anm.: 0810 300 490) eingerichtet, an die sich Betroffene vertraulich wenden können.“ Ebenso wird er eine Untersuchungskommission installieren, der er selbst vorsitzen wird. Diese soll nicht nur die möglichen Vergewaltigungsfälle klären, sondern auch nachvollziehen, ob das Heer in den 60er-Jahren für die Arbeit der Heimmädchen gezahlt hat.
Doch diese Kommission hat einiges vor sich. Denn Akten gibt es so gut wie keine mehr. Gerade derartige Verwaltungsakten wurden teilweise nach einer gesetzlichen Frist von sieben Jahren vernichtet. Der Kommission soll in jedem Fall auch ein Psychologe angehören. Wenn eine der betroffenen Frauen ein persönliches Gespräch wünsche, so stehe er auch dafür zur Verfügung, erklärte der Militärkommandant.
Eine andere ehemalige Heimbewohnerin (sie war ebenfalls Ende der 60er dort untergebracht) berichtete gegenüber der TT, dass eine in St. Martin beschäftigte Erzieherin mit einem Bundesheerangehörigen verheiratet war.
Auch Militärkommandant Bauer hat „dieses Gerücht gehört“. Eine genaue Überprüfung dieses Zusammenhangs werde es geben. „Wir werden auch dem nachgehen.“
Von der Vergewaltigung habe sie nichts mitbekommen, erklärt die Frau, die selbst bei mehreren Faschingsbällen war. Sie schildert, dass es in St. Martin auch Erzieherinnen gegeben hätte, die mit den damals angewandten Methoden nicht einverstanden waren. „Als Einzelkämpfer hatten sie gegen die Mauer der restlichen wenig Chance. So versuchte die Frau einen anderen Weg in ihrer Gruppe umzusetzen.“
Es habe auch Praktikantinnen gegeben, die mit diesem System nicht konnten. Doch auch die seien im damaligen Erziehungssystem „nicht aufgekommen“. (TT, APA, mw)






