06.09.2012, 14:09  Aktualisiert: 12.09.2012, 01:02 
Top-Physiker werden 60

„Da ist extrem viel schiefgegangen“

Die Galionsfiguren der Innsbrucker Quantenphysik, Peter Zoller und Rainer Blatt, über Bedrohungen und Chancen durch neue Technologien und Fehlentscheidungen in Tirols Wissenschaftspolitik, die sie zum Genieren finden.
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Innsbruck – Peter Zoller und Rainer Blatt haben seit Anfang der 90er-Jahre Innsbruck zu einem weltweit beachteten Zentrum der Quantenphysik aufgebaut. Gelungen ist ihnen das auch, weil sie zusammen ein kongeniales Duo bilden: Zoller entwickelt als Theoretiker die Konzepte, der Experimentalphysiker Blatt setzt sie mit seinen Leuten in die Realität um und bestätigt oder falsifiziert die theoretischen Konzepte. Beide werden diesen Monat 60 Jahre alt. Rainer Blatt morgen und Peter Zoller am 16. September.

Die Technologie hat in den vergangenen Jahren unser Alltagsleben massiv verändert. Wann wird auch die Quantenphysik im Alltag eine Rolle spielen?

Rainer Blatt: Sie hat jetzt schon einen enormen Einfluss auf unser Leben. Heute werden bereits 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mit Methoden oder indirekt mit Techniken der Quantenphysik erzielt.

Peter Zoller: Die Quantentechnologie ist nicht nur der Quantencomputer. Da gehören auch Dinge wie Atom­uhren oder Supraleiter oder das GPS dazu.

Blatt: Und die moderne Messtechnik.

Der US-Computerpionier Ray Kurzweil meinte am Mittwoch in Berlin, die menschliche Software sei eigentlich veraltet im Vergleich zu den modernen Technologien. Stimmt das?

Blatt: Natürlich wird schon viel mit Maschinen gemacht. Aber die Intuition und die Innovation muss immer noch der Mensch einbringen. Man sieht ja, was unser kleines Hirn mit eineinhalb Kilo zustande bringt und was die besten, tonnenschweren Computer nicht hinkriegen. Denn zuerst braucht es die Idee. Peter Zoller ist das beste Beispiel dafür. Er als Theoretiker ist sozusagen der Erfinder all dieser Dinge, die wir dann umzusetzen versuchen und feststellen: Oha, das geht sogar!

Zoller: Aber das gelingt auch nur manchen Leuten. Was bei Rainer Blatt da unten im Labor läuft, hat nicht so viele oder keine Kopien auf der Welt. Denn man kann als Theoretiker noch so viele Ideen haben: Wenn sie sich nicht in die Realität umsetzen lassen, bleiben sie nur heiße Luft.

Der schwedische Philosoph Nick Bostrom meinte heuer in Alpbach, eine der Hauptbedrohungen der Menschheit sei eine maschinelle Superintelligenz, die irgendwann dem Menschen gleichkommt oder ihn gar übertrifft. Teilen Sie seine Befürchtung?

Blatt: Dazu müsste man erst einmal definieren, was Intelligenz ist. Und zum anderen wäre es nur dann eine Bedrohung, wenn ich als Mensch meine Eigenständigkeit aufgebe und mich auf vorgefasste Entscheidungen – und ein Computer produziert ja nur, wenn man in ihn hineinsteckt – verlasse.

Zoller: Und selbst wenn wir uns bedroht fühlen würden: Wir können ja immer noch den Stecker ziehen. Es gibt nur Chancen, keine Bedrohungen. Es werden sich Möglichkeiten ergeben, die wir vielleicht noch nicht ganz verstehen, aber am Schluss des Tages wird es immer positiv sein.

Wo sehen Sie die Menschen in 30 Jahren?

Zoller: Es werden verschiedene Disziplinen zusammenwachsen. So wie unser Kollege Hans Briegel bereits über Querverbindungen zwischen der Quantenphysik und der Biologie nachdenkt, klingt das noch sehr utopisch. Nur vielleicht stecke ich mir irgendwann wirklich einen Chip in den Kopf und kann chinesisch sprechen.

Blatt: Ja, es wird viele kleine Helferlein geben, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können. Doch viel mehr beschäftigt mich die Frage, wo unsere westliche Gesellschaft stehen wird. Wir haben vor Kurzem in China gesehen, mit welcher Geschwindigkeit und welcher Wucht die Leute dort neue Technologien verfolgen. Sie sind so hungrig. Da wird mir für den Rest der Welt schwummrig.

Zoller: Und gerade was Österreich betrifft, mache ich mir Sorgen. Österreich sieht sich als Insel der Seligen. Uns geht es ja auch extrem gut. Nur bezweifle ich, dass sich das mit unserer Mentalität aufrechterhalten lässt.

Sie meinen, wir ruhen uns auf unserem Komfort aus?

Blatt: Wir sind im übertragenen Sinn ein wenig zu satt geworden. Das sieht man auch bei den Studierenden. Die aus Südamerika oder dem asiatischen Raum sind hungrig, unsere eher phlegmatisch.

Zoller: Ja, in Österreich will man es sich in erster Linie bequem machen. Das ist aber nichts, was auf Dauer die Zukunft trägt. Wobei sich das vor allem auf die Politik bezieht, die versucht, die breite Masse mit dem „Machen wir es uns bequem“ einzulullen. Denn wir haben extrem gute und kreative Leute mit großem Potenzial. Die müsste man aber fördern. Warum spricht man in der Schuldiskussion immer nur von jenen, die Probleme haben und zurückbleiben? Das ist ja in Ordnung, aber warum hört man nie etwas über jene, die wirklich gut sind, und darüber, wie man die fördern will. Das sind die Leute, die letztlich das Land weiterbringen.

Wo sollte die Politik ansetzen, damit die Bequemlichkeit der Kreativität weicht?

Blatt: Die Politik per se kann da nicht viel machen. Die gesamte Gesellschaft muss diesen Hunger wieder bekommen. Das fängt in den Familien, im Kindergarten an. Es geht darum, die Neugier zu erhalten, diese kindliche Neugier. Die müsste die Politik fördern, anerkennen und auch belohnen.

Zoller: Es ist eine Schande, dass die Frage, wie man Universität gestalten soll, einen parteipolitischen Streit auslöst. Das sollte über Partei­ideologien stehen. Österreich muss sich positionieren, es steht mit Europa und der ganzen Welt in Konkurrenz. Die Politik hat die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Österreich bestehen kann. Aber das Problem ist, dass viele Politiker Österreich nie verlassen haben und deshalb auch nicht wissen, wie die Welt ist.

Wie könnte man den Standort Innsbruck stärken?

Blatt: Es braucht eine längerfristige Planung. Bislang gibt es nur Absichtserklärungen und in der Politik keine Kontinuität. Innsbruck etwa spielt das Image einer Universitätsstadt zu zögerlich. Gerade Innsbruck wäre der Wissenschaftsstandort par excellence. Es hat eine Landschaft, die die Leute anzieht. Sie wollen hierher. Denen muss man die richtigen Rahmenbedingungen bieten, nicht nur den Touristen, die dann wieder weg sind. Da nehme ich auch die Industrie in die Pflicht. Auch sie könnte weitaus strategischer forschen. Eine Investition in die Mechatronik etwa befriedigt nur einen kurzfristigen Bedarf und wird schon an vielen Stellen gemacht. Da klappert Tirol nur nach anstatt vorzudenken.

Zoller: Am Anfang muss ein Plan stehen, eine große Vision und nicht nur Politiker, die sich ein Denkmal setzen wollten, in dem sie eine Uni gründen wie die UMIT, wo dann relativ viel Geld hineinfließt. Und die dann auch noch Promotionsrechte verliert, weil die Wissenschaft offenbar nicht an erster Stelle steht. Oder wenn ich die Skandale an der Medizin-Uni betrachte. Da ist so viel extrem schiefgegangen in den vergangenen Jahren. Früher habe ich noch mit dem Finger auf Wien gezeigt, wenn etwas faul war. Heute bin ich dort ganz ruhig, weil ich mich geniere. Da muss etwas Großes her und das muss man aufbauen. Ich möchte eine einzige große Universität haben. Tun wir das doch alles zusammen.

Wird es gelingen, die anziehende Wirkung, die Innsbrucks Physik auf talentierte Leute aus der ganzen Welt derzeit hat, auch nach Ihrem Weggang in einigen Jahren einmal aufrechtzuerhalten?

Blatt: Die jungen Leute, die gekommen sind, bauen neue Sachen auf und das funktioniert wunderbar. Wir beide sind nicht unverzichtbar, auch wenn ich überhaupt nicht ans Aufhören denke. Das Problem ist ein anderes: Technik und Infrastruktur haben mit dem enormen Wachstum der Innsbrucker Physik nicht mitgehalten. Klar haben wir ein hohes Niveau, doch man muss weiter investieren. Stagnation ist Rückschritt. Wenn Berufungen an fehlenden Räumlichkeiten scheitern, muss man von einer falschen Hochschulpolitik sprechen.

Zoller: Und wenn jetzt wieder 2,2 Milliarden Euro in die Kärntner Hypo hineinfließen, wird klar, dass da die Proportionen nicht mehr stimmen.

Das Interview führte Gabriele Starck

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Do, 06.09.2012  14:09
aktualisiert: Mi, 12.09.2012  01:02
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