Tirol bei Krippen weit hinter EU-Ziel
„ Die viel zu hohen Beiträge, die Eltern zu leisten haben, sollen sich deutlich reduzieren.“
Ernst Pechlaner (SP-Stadtrat Innsbruck)
Von Brigitte Warenski
Innsbruck, Wien, Brüssel – Erst vor Kurzem hat Familienminister Reinhold Mitterlehner (VP) seine Parteikollegin Beate Palfrader kräftig gelobt. Tirol sei bei der Betreuung der unter Dreijährigen „gut unterwegs“. Wie die neuesten Betreuungszahlen zeigen, ist Tirol aber vom so genannten Barcelona-Ziel noch weit entfernt. Festgelegt haben die EU-Staaten darin, dass es bis zum Jahr 2010 (!) für 33 Prozent der unter Dreijährigen entsprechende Einrichtungen geben soll. Laut Kindertagesheimstatistik (erstellt von der Statistik Austria) haben in Tirol 2011 und daher ein Jahr nach dem festgelegten EU-Ziel aber nur 18 Prozent der unter Dreijährigen eine öffentliche Betreuungseinrichtung besucht. Die Betreuungsquote der ganz Kleinen lag damit sowohl unter dem Österreichschnitt (19,7 %) als auch unter dem EU-Schnitt (28 Prozent). Das Barcelona-Ziel konnte vergangenes Jahr als einziges Bundesland nur Wien mit einer Quote von 33,2 Prozent erreichen.
Doch es gibt in Tirol auch Aufholbedarf bei den Öffnungszeiten. 44 Tage bleiben im Schnitt im Jahr Krippen, Kindergärten und Horte geschlossen, was deutlich über dem Österreichwert von 30,2 Schließtagen liegt. Schwierig wird es auch für jene berufstätigen Eltern, die wie z. B. die Krankenhausangestellten sehr früh ihren Dienst antreten müssen. In ganz Tirol gibt es kein öffentliches Kindertagesheim, das vor sechs Uhr seine Türen öffnet, zwischen 6.00 und 6.29 Uhr machen tirolweit nur drei öffentliche Krippen, aber kein Kindergarten auf. „Natürlich braucht es Zeit, um wirklich flächendeckend eine möglichst flexible und bedarfsgerechte, ganztägige und ganzjährige, und vor allem qualitätvolle und dem aktuellen Stand der Pädagogik entsprechende Bildung und Betreuung in unseren Kinderbetreuungseinrichtungen anbieten zu können. Vieles wurde seit Regierungsantritt bereits erreicht, und wir werden diesen erfolgreichen Weg konsequent weitergehen“, so Palfrader.
Dass es Aufholbedarf gibt, will man im Familienministerium nicht leugnen. „Insgesamt sind wir in Österreich auf dem richtigen Weg, müssen aber das Angebot für die unter Dreijährigen weiter verbessern“, sagt Volker Hollenstein, Sprecher von Familienminister Mitterlehner. Er rechnet damit, dass Österreich 2016 das EU-Ziel vollständig erreicht haben werde. Damit die einzelnen Bundesländer ihr Angebot kontinuierlich ausbauen können, leiste der „Bund Zuschüsse. Mit der aktuellen von Bund und Ländern ko-finanzierten Ausbauoffensive werden pro Jahr rund 5000 zusätzliche Plätze geschaffen, wobei ein Schwerpunkt auf den unter Dreijährigen liegt“, erklärt Hollenstein. Auch in der Landeshauptstadt Innsbruck, wo es nur private Kinderkrippen gibt, zeigt sich die Betreuungssituation kräftig verbesserungswürdig. In Innsbruck haben nur 44 Prozent der unter Dreijährigen einen Platz für 50 Wochenstunden im Gegensatz zu Österreichs Spitzenreiter Linz mit 87 Prozent. Dass bei den Kleinsten durchaus Ergänzungen notwendig sind, „weil der Bedarf natürlich gegeben ist“, gibt Stadtrat Ernst Pechlaner (SP) zu. Um hier aufzuholen, soll das Budget für Kinderkrippen 2013 deutlich erhöht werden und zudem sollen sich laut Pechlaner die „einfach viel zu hohen Beiträge der Eltern deutlich reduzieren“. Um für die Zukunft richtige strategische Entscheidungen für den Ausbau der Betreuungseinrichtungen zu treffen, wird nun auch eine Elternbefragung gestartet. „Ganz klar“ sei zudem auch der Handlungsbedarf in den Ferien, sagt Pechlaner. Kritisiert wurden Österreichs Kinderbetreuungsangebote bereits 2008 in einer Unicef-Vergleichsstudie zur Betreuung und Förderung von Kindern in Kindergärten und Kindertageseinrichtungen. Nur Schweden erfüllte als einziges von 25 untersuchten Industrieländern alle zehn von der Unicef formulierten Mindeststandards für die jüngsten Kinder. Österreich erreichte mit fünf Punkten nur das untere Mittelfeld. Kritisiert wurde unter anderem das Fehlen entsprechender Angebote und die unzureichende Qualifikation der Betreuer.






