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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 18.02.2013

Tourengeher als Störfaktor

Der Wald ist nach wie vor Konfliktgebiet zwischen Skitourengehern und Jägern bzw. Förstern. Die Sportler wollen nicht Sündenböcke für alles sein. Projekte zeigen Erfolge.

Von Christoph Mair und Marco Witting

Innsbruck – Skispuren durch einen Jungwald oder eine Wildfütterung treiben Jägern und Förstern regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht. In ihren Augen sind es rücksichtslose Tourengeher, diemutwillig mühsam gehegten Jungwald schädigen oder das Wild in der kalten Jahreszeit verschrecken und so in Gefahr bringen.

Landesjägermeister Karl Berktold hat zu dem Spannungsverhältnis eine sehr klare Meinung. „Es gibt immer einige Ausreißer, die sich nichts pfeifen und dann mitten in die Fütterung hineindonnern“, sagt Berktold. Dabei seien dies weniger ausländische Touristen, sondern zumeist Einheimische. Das Wild würde dadurch verschreckt. Auf lange Zeit. Gerade in der kalten Jahreszeit brauchen die Tiere Ruhe und Raum, um ungestört fressen zu können. Werden sie aufgeschreckt, steigt ihr Energieverbrauch drastisch an. Eine mitunter lebensgefährliche Situation.

Und noch ein Problem entsteht: Aufgeschrecktes Wild zieht sich in Gegenden zurück, wo es sonst nicht hingehen würde. „Das kann dann auch zu Waldschäden und Verbiss führen“, sagt Berktold. Dort, wo Aufklärungskampagnen gestartet worden seien, hätte sich die Situation verbessert. „Aufklärung heißt für Berktold das große Schlagwort. „Es gibt etwa in Salzburg das Projekt RespektTiere deine Grenzen. So etwas scheitert bei uns derzeit noch an der Finanzierung.“ Der scheidende Landesjägermeister glaubt, dass sich „aufgeklärte Sportler“ an die Regeln halten würden. Sperrgebiete, wie es sie etwa in der Schweiz gibt, wolle man in Tiroler nämlich keinesfalls.

Den grundsätzlichen Konflikt zwischen den verschiedenen Interessen im Wald will auch Willi Seifert von der Fachabteilung Raumplanung und Naturschutz des Oesterreichischen Alpenvereins (OeAV) nicht leugnen. Doch er wehrt sich dagegen, die Verantwortung allein den Tourengehern in die Schuhe zu schieben. „Dass das Wild beunruhigt wird, ist bei Weitem nicht allein die Schuld der Tourengeher. Dafür gibt es viele Ursachen“, sagt Seifert. Dazu zählten die zunehmende Erschließung von Waldgebieten mit Infrastruktur wie Leitungsnetzen, Straßen, Seilbahnen oder Skipisten. Auch ein zu hoher Rotwildbestand trage dazu bei wie auch die Absicht von Grundbesitzern, ihr Gebiet zu beruhigen. Die Verordnung von, auch in Tirol, immer größeren jagdlichen Sperrgebieten sei aus Sicht des Alpenvereins nicht der richtige Weg, den Konflikt zu lösen. Ein solches Sperrgebiet sei für Tourengeher oder Schneeschuhwanderer auch keinesfalls eine komplette Tabuzone, will Seifert „Missverständnisse aufklären“. So gelte in den betroffenen Gebieten keineswegs ein absolutes Betretungsverbot. Umgekehrt jedoch das Gebot, sich auf den Wegen bzw. üblich begangenen Skitourenrouten zu halten. Jagdliche Sperrgebiete seien mit Schildern entsprechend zu kennzeichnen und dürften in der Regel nur befristet verordnet werden.

Absolute Tabuzonen seien hingegen Jungwald unter einer Höhe von drei Metern und Waldflächen in einem Bereich von 500 Metern um Lifte bzw. Pisten herum.

Wie auch Karl Berktold setzt Seifert auf Lenkungsprojekte und gezielte Information. Die konkreten Probleme ließen sich in jedem Einzelfall lösen. „Wenn man sich mit den verschiedenen Interessengruppen zusammensetzt, habe ich noch nie erlebt, dass dabei nichts herauskommt“, ist der OeAV-Experte aus Erfahrung optimistisch.

Am effektivsten seien Angebote, welche die Tourengeher ohne viel Begleitmusik in Form von Hinweistafeln und Öffentlichkeitsarbeit intuitiv annehmen. Das seien etwa Schneisen im Wald, die sich gut zur Abfahrt eignen. Ein solches Projekt wurde neben anderen Regionen Tirols z. B. im Obernbergtal am Brenner von betroffenen Grundbesitzern (Agrargemeinschaft) Forst, Jagd und Schutzgebietsbetreuung gemeinsam umgesetzt. Profitieren würden alle davon, glaubt Seifert.

Die Tourengeher seien froh über eine attraktive Abfahrt, die Agrargemeinschaft gewinne Weideflächen dazu. Das Wild habe im Wald größere Ruhe, was die Jäger und Waldbesitzer freue, weil Verbissschäden minimiert werden. Letztlich appelliert auch Seifert an die Verantwortung jedes Einzelnen für einen fairen Umgang miteinander bzw. mit der Natur.