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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 07.06.2013

Hilfe für Kössen

„Ganz Tirol ist zum Helfen gekommen“

Hunderte Freiwillige unterstützten in den vergangenen Tagen die Flutopfer in Kössen. Noch immer wird Schlamm aus den Häusern geschaufelt.

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Von Sabine Strobl

Kössen – „Das Bundesheer hilft, Bekannte sind gekommen, sogar die 14-jährigen Freundinnen meiner Enkelinnen helfen. Meine 9-Jährige sagte: Oma, so etwas habe ich in meinem ganzen Leben nicht erlebt.“ Elisabeth Perkmann erzählt von ihrem „sträflichen Optimismus“, auch wenn das Haus der Familie kaum mehr bewohnbar ist. Das Wasser ist in Kössen zwar großteils abgeflossen. Aber in den Häusern sind viele Keller und Erdgeschoße zerstört. Der Schlamm wird herausgeschaufelt.

„Jetzt geht es um händische Arbeit“, berichtet Presseoffizier Willi Tilg. Rund 200 Grundwehrdiener sind im Dauereinsatz. Eine Woche wird das Bundesheer noch bleiben. Die Freiwillige Feuerwehr war mit 900 Männern im Einsatz, der heute Sonntag zu Ende geht. „Die Leute müssen auch wieder zur Arbeit. Sie haben sich Urlaub genommen“, erklärt Bezirksfeuerwehrkommandant Hans Papp. Später wird die Freiwillige Feuerwehr in Kössen überlegen, wie es weitergeht. Zumal ihre Zentrale auch vom Wasser überschwemmt wurde. Während die Kinder der Volksschule Mutmach-Karten im Turnsaal – der Versorgungsstation – verteilen, erzählt der Rotkreuz-Koordinator Herbert Haid vom enormen Zusammenhalt der Menschen. „Wir haben nach der Evakuierung hier ein Bettenlager geplant, doch alle 150 Personen wurden privat aufgenommen.“

Auf den Kulturen der Gärtnerei Raumauf liegen 30 Zentimeter Schlamm. Iris Kattrin sagt trotz der Verwüstung: „Ich habe das Gefühl, dass ganz Tirol in Kössen hilft. Das macht Mut.“ Viele Freiwillige melden sich in der Gemeinde, andere bieten direkt bei Betroffenen ihre Hilfe an. Bürgermeister Stefan Mühlberger: „Alle zu organisieren ist schwierig. Aber wir schaffen es.“ Er wagt die Zerstörung kaum einzuschätzen. 450 Häuser sind betroffen.

„Ich rechne mit 20 Millionen Euro Schaden an den Privathäusern, 10 Millionen werden es bei den Betrieben sein. Das ist nur das Minimum.“ Vor der Liftstation ist ein gigantischer Müllberg entstanden. Bernhard Dagn ist seit Dienstag für die Gemeinde unterwegs. Zwischendurch fährt er mit dem eigenen Traktor, um Schutt abzutransportieren. Wie schwer die Felder betroffen sind, hat er noch nicht überprüft. Derzeit gibt es Wichtigeres zu tun.

Feuerwehr

. „Weit sind wir noch nicht gekommen. Ich bin seit 15 Jahren bei der Feuerwehr, aber so eine Katastrophe habe ich noch nie erlebt“, sagt Stefan Koller. Er ist am Freitag mit Kollegen von der Freiwilligen Feuerwehr Niederndorf in Kössen eingetroffen. In der letzten Woche waren rund 900 Feuerwehrmänner im Einsatz, darunter auch Katastrophenzüge aus Innsbruck und Imst. Viele nahmen Urlaub. 300 Häuser wurden in Kössen ausgepumpt.

Rotes Kreuz. An normalen Tagen sind die Kössener fleißige Blutspender. „Jetzt möchten wir ihnen etwas zurückgeben“, erklärt Josip Jelcic vom Blutspendedienst. Mit 15 Mitarbeitern nützt er den blutspendefreien Tag zum Helfen in Kössen. Seit vergangenem Sonntag sind täglich 18 Mitarbeiter des Roten Kreuzes und ein Kriseninterventionsteam eingeteilt. Das Rote Kreuz hilft den Opfern bei den Anträgen. Im alten Turnsaal ist ein Spendenlager.

Bundesheer. „Der Tag vergeht schnell. Die Leute freut es, wenn wir zum Helfen kommen“, erzählt Martin Kärle aus Häselgehr im Lechtal (Bildmitte). Am Donnerstag wurde der erste Trupp abgelöst. 217 Männer waren am Freitag im Einsatz. Der Großteil sind Grundwehrdiener, viele sind erst am 6. Mai eingerückt. 10.000 Arbeitsstunden wurden in sieben Tagen geleistet. Eine anstehende Angelobung wurde verschoben. Die Burschen wollten lieber helfen.

Versorgungstrupp. „Leute aus ganz Tirol bringen uns Essen. Wir haben noch nichts gekauft“, berichtet eine Helferin aus Kössen. Wie Josef Hörfarter sagt, helfen derzeit täglich 50 bis 60 Freiwillige in der neuen Turnhalle mit. Derzeit werden 500 Menschen zu Mittag verköstigt. Gekocht wird in den Gasthäusern. Frauen haben sich auch als Putztrupps organisiert.

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