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Wo es bis zum Himmel stinkt

Er fliegt durchs Autofenster, wird heimlich abgelegt oder umhergekarrt: über den Umgang der Tiroler mit dem eigenen Unrat. Was unter den Tisch gekehrt wird, was polarisiert und worüber wir hinwegsehen.

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Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – „Dreck“: Der Name ist schlicht und einfach und provokant. Mehr als 10.000 Menschen haben die Sonderausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum, die die Dinge beim Namen nennt, bereits gesehen. Hier werden nicht nur die häufig verdrängten Kehrseiten der heimischen Kultur beleuchtet, wie Volkskundler Karl C. Berger sagt. Die Kulturgeschichte des Drecks sei auch eine Geschichte des veränderten Scham-, Hygiene- und Ekelempfindens.

Besonders deutlich wird dies wohl beim Mist: Je größer der Misthaufen, umso reicher der Bauer, hieß es früher. Bei solchen Redewendungen wird heute bestenfalls die Nase gerümpft, ebenso wie beim Geruch. Jedenfalls muss Reinhard Egger, Referent für Ackerbau und Düngung in der Tiroler Landwirtschaftskammer, pro Jahr etwa hundert Beschwerden entgegennehmen, bei denen es um Mist und Jauche auf den Feldern geht. „Toleranz und Verständnis haben nachgelassen, vor allem am Land“, meint er, dabei seien die Tierbestände in Tirol rückläufig. Anrainer der wenigen bäuerlichen Anwesen in der Stadt hingegen seien offensichtlich froh, dass es noch unverbautes Ackerland gebe.

Mist ist dafür geeignet, zu polarisieren, während anderes offensichtlich achselzuckend hingenommen wird. Etwa die eigene Rolle als Müllproduzent. Die große Freude, „Mülltrenn-Weltmeister“ zu sein, lässt viele vergessen, dass die Gesamtmüllmenge sogar ansteigt. „Die Abfallvermeidung funktioniert nicht“, sagt etwa Alexander Würtenberger vom Abfallverband Tirol Mitte. Ein Grund dafür: Die Wirtschaft ist an Mehrwegsystemen nicht interessiert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür fehlen. Außerdem fällt es vielen schwer, ihr Konsumverhalten zu ändern. Und: Mit Abfall ist Geld zu verdienen.

Mit Arglosigkeiten ganz anderer Art muss sich Bernd Stigger, Leiter der Straßenerhaltung in der Landesregierung, herumschlagen: Die Mitarbeiter der Straßenmeistereien sammeln entlang der 2235 Kilometer Landesstraßen pro Jahr 400 Tonnen Müll ein und riskieren dabei, angefahren zu werden. „Die Leute schmeißen die Abfälle einfach im Vorbeifahren aus dem Autofenster oder legen sie auf Parkplätzen ab.“ Die Kosten für Personalaufwand und Entsorgung: 1,2 Millionen Euro pro Jahr. Die Aktion „Bleib sauber“ mit Spots, Plakaten und Inseraten zeigt laut Stigger bestenfalls geringfügige Wirkung.

In Innsbruck ärgert sich Josef Mühlmann, Amtsleiter Bereich Straßenbetrieb, über „Hunds­trümmerln“: In den vergangenen Jahren habe sich nichts gebessert, eher das Gegenteil sei der Fall. In der Stadt sind hundert Mitarbeiter für 340 Kilometer Gemeinde- und Landesstraßen und 380.000 Quadratmeter Gehsteigflächen zuständig, pro Jahr werden 2400 Tonnen Müll und Straßenkehricht entsorgt. 2500 Papierkörbe werden bis zu viermal am Tag entleert.

Während der Hundekot im Stadtgebiet vor allem als Ärgernis auffällt, verursacht er auf landwirtschaftlichen Flächen große Schäden: Hans Gföller von der Landwirtschaftskammer spricht von unfruchtbaren Kühen und Fehlgeburten. Verschmutztes Futter kann nur noch als Streu verwendet werden, „das betrifft dann den ganzen Heuballen“. Tierschützerin Inge Welzig spricht sich dafür aus, dass Hundehalter noch vor Anschaffung eines Vierbeiners zur Schulung müssen: „Es geht ums Verantwortungsbewusstsein.“ Ihrer Meinung nach hat die Bereitschaft, den Kot zu entsorgen, vor allem bei den „Frauchen“ zwar zugenommen, aber eben auch die Zahl der Hunde – und zwar enorm.

„Dreck“ als Ärgernis, als Kostenfaktor und Bedrohung der Landwirtschaft, mitunter aber auch als tödliche Gefahr: Laut Ärztekammer sterben pro Jahr 400 Menschen in Tirol an Feinstaub.

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