Kein Aufatmen - Hunderte Haushalte ohne Strom
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Windböen von mehr als 100 km/h sorgten für Straßensperren und beschädigte Stromleitungen. Die Lawinensituation ist unverändert kritisch. Foto: TT
Foto: zoom-tirol
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Innsbruck – Der Winter hält Tirol weiterhin fest im Griff. Orkanartige Windböen mit Spitzen von mehr als 100 km/h und Neuschnee haben in Teilen Tirols seit Donnerstagabend zu einem Anstieg der Lawinengefahr geführt. Die Experten des Landes rechnen mit keiner raschen Entspannung der Situation.
Tausende ohne Strom
Das Schneechaos bekommen nach wie vor auch viele Tiroler Haushalte zu spüren. Nach Angaben der Tiwag-Netz AG wurden tirolweit Mittelspannungsleitungen durch umgestürzte Bäume beschädigt und abgeschaltet. Laufend gab es Störungsmeldungen aus dem ganzen Land, berichtet die Tiwag. Die Montagetrupps arbeiten seit Donnerstagabend auf Hochtouren. Samstagfrüh waren noch immer 1800 Haushalte ohne Strom. Insgesamt sind derzeit 12 Gemeinden - Fendels, Fließ, Hopfgarten, Landeck und die Wildschönau - sowie 35 Stationen betroffen. Die Störstellen im Raum Tulfes und im Ötztal können laut Tiwag wegen akuter Baumsturz- bzw. Lawinengefahr noch nicht repariert werden.
Im Laufe der ersten Nachthälfte kam es laut Tiwag Netz AG weiterhin zu einer Reihe vom Mittelspannungsstörungen im Brixen- und Achental, die noch während der Nacht behoben werden konnten. Zu neuen Störungen kam es jedoch im Oberland (Ötztal - Imst, Prutz und Fendels). Der Roppener Tunnel musste deshalb gesperrt werden. Mittlerweile konnte er aber wieder mit Strom versorgt werden.
Lawinen verschütten Fahrzeuge und Personen
Die Lawinensituation ist in Tirol unverändert kritisch. Im Paznauntal ging am Freitagnachmittag eine Lawine auf die Silvrettastraße im Ortsteil Nederle bei Kappl nieder. Die „Bachlerlawine“ verschüttete die Straße auf einer Breite von rund 20 Metern bis zu eineinhalb Meter hoch. Drei Fahrzeuge wurden dabei erfasst. Der Lenker eines verschütteten Autos konnte sich selbst aus den Schneemassen befreien. Auch ein Schneeräumfahrzeug wurde von der Lawine erfasst. Ein Taxi mit fünf Insassen wurde von der Lawine über die Straße geschoben. Alle Personen - ingesgesamt sieben - blieben unverletzt.
Im Ortsteil Wirl in Galtür ist am Freitagabend eine Frau bei einem Lawinenabgang verletzt worden. Zwei Kinder, die sie begleitet hatten, blieben unverletzt. Die Frau war nach Angaben der Polizei zu Fuß unterwegs und wurde von den Schneemassen erfasst. Der Unglücksort befand sich außerhalb des Ortskerns von Galtür. Die Schneemassen waren von einem Berghang nördlich des Parkplatzes auf eine gesperrte Straße abgegangen.
Bei einem weiteren Lawinenabgang auf die Bundesstraße bei St. Jakob am Arlberg waren zwei Fahrzeuge betroffen. Nach Angaben der Polizei konnte ein Lawinendamm einen Teil der Schneemassen abfangen. Eines der Fahrzeuge wurde beschädigt. Die Insassen beider Autos blieben unverletzt.
Notlager für Urlauber im Zillertal
Im Zillertal kam es zu Mittag im Gemeindegebiet von Ginzling ebenfalls zu einem Lawinenabgang. Die B169 wurde auf einer Breite von ca. 30 bis 40 Metern und bis zu fünf Meter hoch verschüttet. Verletzt wurde dabei niemand. Wann die Bundesstraße wieder befahrbar sein wird, ist derzeit unklar.
Etwa 150 Urlauber konnten die Rückfahrt nach dem Skifahren in Mayrhofen nicht mehr antreten und wurden durch Mitarbeiter des TVB Mayrhofen ins Europahaus umgeleitet. Dort wurde ein Notlager für rund 60 Personen errichtet.
Wohnhäuser im Bereich der Nordkette evakuiert
Aufgrund des anhaltend starken Schneefalls insbesondere im Bereich der Innsbrucker Nordkette musste am späten Freitagnachmittag die Evakuierung der Wohnhäuser westlich des Rechenhofs angeordnet werden. Die betroffenen Personen wurden in Innsbrucker Hotels untergebracht. Die Gemeindeeinsatzleitung der Stadt rät dringend davon ab, auf der Nordkette das bewohnte Gebiet zu verlassen.
Im Ortsteil Buchen bei Telfs mussten am Nachmittag Urlauber und Angestellte aus einem Gasthof evakuiert werden. Durch die Schneelast am Dach war es bei den Stützbalken zu Rissen in der Wand gekommen. Das Gebäude durfte am Freitag nach einer behördlichen Anordnung nicht mehr betreten werden. Verletzt wurde dort niemand.
Umgestürzte Bäume bereiten Probleme
Wegen umgestürzter Bäume und verschneiter Straßen standen im ganzen Land die Feuerwehren im Dauereinsatz, berichtete Landesfeuerwehrkommandant Klaus Erler. „Verkehrswege mussten geräumt werden und Bäume, die aufgrund der Schneelast umstürzten, mussten beseitigt werden.“
In Lechaschau beschädigten sieben umgestürzte Bäume ein Haus- bzw. Garagendach. Verletzt wurde niemand. Der Sachschaden beträgt 5000 bis 10.000 Euro.
Straßen und Bahnstrecken wegen Lawinengefahr gesperrt
Probleme gab es auch im Straßen- und Bahnverkehr. Am Freitagabend ereignete sich auf der Unterinntaler Landesstraße ein schwerer Verkehrsunfall. Auf der schneeglatten Fahrbahn waren zwei Pkw kollidiert. Die verletzten Lenker mussten ins Bezirkskrankenhaus Kufstein gebracht werden. Laut Asfinag gab es auf Tirols Autobahnen und Schnellstraßen keine gröberen Probleme. 60 eigene und dazu noch angemietete Räumfahrzeuge stehen im Dauereinsatz.
Wegen Lawinengefahr, Schneeverwehungen bzw. Lawinenabgängen waren zu Redaktionsschluss folgende Straßen gesperrt:
- Arlbergstraße zwischen Langen und St. Christoph
- Lechtal Straße zwischen Reutte Richtung Warth, zwischen Steeg und der Landesgrenze (u.a. Lech und Zürs sind momentan nicht erreichbar)
- Lechtal Straße zwischen Stockach und Bach (Umleitung)
- Bregenzerwaldstraße (Hochtannberg)
- Kaiserer Landesstraße ab Steeg
- Gramaiser Landestraße zwischen Häselgehr und Gramais
- Bschlaber Landesstraße zwischen Elmen und Bschlabs sowie Bschlabs Boden
- Namloserstraße zwischen Stanzach und Namlos
- Kaunertal Landesstraße ab Gasthof Alpenrose taleinwärts
- Spisser Landesstraße ab Pfunds
- Engadiner Bundesstraße ab Pfunds
- Silvretta Landesstraße ab Kappl (taleinwärts)
- Stanzertalstraße zwischen Schnann und St. Jakob, ab Flirsch
- Pitztal Landesstraße ab St. Leonhard (Ortsteil Wiese)
- Ötztalstraße zwischen Zwieselstein und Obergurgl
- Ötztalstraße ab Huben (auch Sölden damit in der Nacht nicht erreichbar)
- Venter Landesstraße ab Bodenegg
- Zaunhofstraße (L344) zwischen Haarlach und Enzenstall
- Sellraintal Landesstraße zwischen Haggen und Kühtai sowie Ochsengarten und Kühtai
- Gemeindestraße vom Kreisverkehr Fritzens Richtung Gnadenwald
- Schmirntalstraße ab Ortsteil Siedlung (hinterstes Schmirntal)
- Gemeindestraße ins Oberbergtal gesperrt (Bärenbad, Seduck, Oberriss derzeit nicht erreichbar)
- Seefelderstraße zwischen Scharnitz und Landesgrenze
- Defereggental Landesstraße zwischen Erlsbach und Stallersattel
- Felbertauernmautstraße ab Matrei bzw. Mittersill (bis Samstag 8 Uhr, Straße bis Tauernhaus befahrbar)
Schneekettenpflicht gilt auf einigen Tiroler Straßen. Aktuelle Informationen meldet Life Radio. Eine Übersicht bietet auch das Verkehrsservice des ÖAMTC ( http://go.tt.com/rTBo2s ).
Arlbergbahnstrecke wegen Lawinengefahr gesperrt
Der Bahnverkehr war durch die starken Schneefälle am Freitag ebenfalls von Sperren betroffen. Die dicht befahrene Westbahnstrecke zwischen Innsbruck und Wörgl war seit Freitag früh unterbrochen, konnte nach dem Einsatz der ÖBB-Trupps seit 15:30 Uhr wieder eingleisig befahren werden. Allein im Bereich Terfens zwischen Wattens und Schwaz wurden rund 30 Bäume und Äste entfernt. Die Strecke war auch zwischen Brixlegg und Kundl unterbrochen. Es kommt aufgrund der Eingleisgkeit weiterhin zu Verzögerungen.
Der Bahnverkehr zwischen Innsbruck und Scharnitz ist auch wieder in Betrieb. Die weitere Strecke von Scharnitz bis Mittenwald ist wegen der Lawinensituation aber gesperrt. Für Kunden ins Außerfern wurden Freitagnachmittag drei Direktbusse von Innsbruck über den Fernpass nach Ehrwald angeboten. Die Lawinensperre wird bis mindestens Samstagfrüh aufrecht bleiben.
Nach Beschluss der Lawinenkommission wurde die Arlbergbahn am Freitagnachmittag für den Bahnverkehr gesperrt. Aufgrund einer gleichzeitigen Fahrleitungsstörung wurde ein Schienenersatzverkehr zwischen Ötztal und Bludenz eingerichtet. Dieser wird aufrechterhalten solange die Schnellstraße für die Busse zur Verfügung steht. Samstagmittag wird die Lawinenkommission weiter darüber beraten. Zwischen Reutte und Garmisch bleibt die Bahnstrecke gesperrt. Umgeknickte Bäume haben Fahrleitungsschäden verursacht. Ein Schienenersatzverkehr mit Bussen wurde eingerichtet. Bahnkunden müssen mit Verzögerungen rechnen. Züge des Fernverkehrs Richtung Salzburg, Wien sowie nach Bregenz und Zürich werden aufgrund der Unterbrechungen große Verspätungen bekommen. Aktuelle Streckeninformation finden Sie auf http://go.tt.com/AxrLm1 .
Flüge nach München umgeleitet
Wegen der schlechten Sicht konnten am Freitagmorgen am Innsbrucker Flughafen insgesamt fünf Flugzeuge nicht landen. Sie wurden nach München umgeleitet. Für die Passagiere wurden Busse organisiert, erklärte Flughafen-Betriebsleiter Marco Pernetta gegenüber TT.com. Am Nachmittag habe sich die Sicht stark verbessert.
„Wir rechnen nicht mit weiteren Problemen. 12 zusätzliche Mitarbeiter aus der Rufbereitschaft waren im Einsatz.“ Auch der „erste große Charter-Samstag“, an dem 10.000 an- und abreisende Passagiere erwartet werden, sollte Pernetta zufolge problemlos über die Bühne gehen. „Die Wetterprognose schaut gut aus.“
Kritische Lawinensituation
In Tirol herrscht derzeit eine kritische Lawinensituation mit gebietsweise großer Lawinengefahr. Gefahrenstellen liegen laut der Landeswarnzentrale Tirol in Steilhängen aller Richtungen, hauptsächlich oberhalb etwa 2000 Meter. Lawinen können schon bei geringer Zusatzbelastung ausgelöst werden. Skitouren und Variantenfahrten erfordern große Erfahrung. Unerfahrenen wird dringend empfohlen, die gesicherten Pisten nicht zu verlassen.
Zusätzlich ist auch mit Selbstauslösungen von Lawinen zu rechnen. In den neuschneereichen Regionen können diese auch große Ausmaße erreichen und dadurch exponierte Verkehrswege gefährden. Unterhalb etwa 2000 Meter ist zudem auf Selbstauslösungen von Gleitschneelawinen zu achten. Eine rasche Entspannung der Lawinensituation ist nicht in Sicht. Aktuelle Berichte zur Lawinensituation können unter http://go.tt.com/xmx2sz abgerufen werden.
Lawinenzüge in Bereitschaft
Wegen der bedrohlichen Wettervorhersage werden vom Militärkommando zwei Lawineneinsatzzüge in Bereitschaft gehalten, „um im Anlassfall rasch reagieren zu können“: Ein Zug in Landeck, ein Zug in St. Johann und eine Reserve in der Standschützenkaserne in Innsbruck. „Gut ausgebildete und gut ausgerüstete Soldaten der 6. Jägerbrigade stehen dem Militärkommando zu Verfügung, um Anforderungen seitens der Tiroler Landeswarnzentale erfüllen zu können“, erklärte das Militärkommando in einer Aussendung am Freitag. Verstärkt werden diese Kräfte durch zwei Hubschrauber, die am Stützpunkt in Schwaz stehen und bei Bedarf, Flugwetter vorausgesetzt, sofort abgerufen werden können. (deda, rautch, cm, tt.com, TT, APA)
aktualisiert: Sa, 07.01.2012 13:43





