21.01.2012, 09:05  Aktualisiert: 22.01.2012, 06:27 
Schneechaos in Tirol

Mann überlebt fast eine Stunde unter Lawine – Weiter Sperren in Tirol

Ischgl und Galtür sind seit dem Vormittag nicht mehr erreichbar. Auch im Lechtal waren mehrere Straßen und Seitentäler unpassierbar. Mehrere Bahnstrecken wurden wegen umgestürzter Bäume und Lawinengefahr gesperrt. Großes Glück hatte ein 34-Jähriger im Außerfern, der von einer Lawine eineinhalb Meter tief verschüttet wurde.
Auf den schneebedeckten Straßen ist derzeit Vorsicht geboten. In Axams krachten zwei Fahrzeuge zusammen. Schicken Sie uns Ihre Schneebilder an forum@tt.com
Foto: ZOOM-TIROL

Innsbruck - Der Neuschnee hat am Wochenende in Teilen Tirols zu einer laut Experten „kritischen“ Lawinensituation mit gebietsweise großer Gefahr geführt.

Unwahrscheinliches Glück hatte ein 34-jähriger Deutscher im Außerfern, der von einer Lawine eineinhalb Meter tief verschüttet wurde. Weil er unmittelbar hinter der Abbruchkante liegen blieb, bildete sich ein Hohlraum, der dem Urlauber das Atmen ermöglichte. Retter konnten schließlich mit einem Spezialgerät einen sogenannten „Reccostreifen“ in dessen Kleidung orten und den Mann ausgraben. Der Deutsche blieb nach Angaben der Polizei unverletzt.

Der Urlauber war mit einem Freund im Skigebiet Reuttener Hahnenkamm unterwegs und in den freien Skiraum eingefahren. Signale des Lawinenverschüttetenpieps konnten von einem zufällig in der Nähe skifahrenden Bergretter nicht geortet werden. Erst mit dem Reccogerät eines Hubschraubers gelang es, den Verschütteten zu lokalisieren. Bergretter brachten den Mann schließlich ins Tal.

In Ischgl ist am Samstagnachmittag eine groß angelegte Suchaktion nach einem Lawinenabgang ergebnislos abgebrochen worden. Touristen hatten berichtet, sie hätten eine Frau unmittelbar vor dem Abgang der Schneemassen beobachtet. Bei der Suche konnte aber niemand entdeckt werden, teilte die Polizei mit. Das Schneebrett ist in der Nähe des im Winter geschlossenen Minigolfplatzes auf gesperrtes und gesichertes Gebiet abgegangen.

12000 Paznaun-Urlauber erreichten ihre Hotels nicht

Für zahlreiche Urlauber war die Ab- und Anreise bei den heftigen Schneefällen im Oberland und Außerfern etwas ungemütlich. 8000 Urlauber warten darauf, dass die Straßensperre aufgehoben wird, um aus dem Paznauntal abreisen zu können. 12.000 Touristen kommen nicht in das Tal rein, um ihren Urlaub in Galtür oder Ischgl antreten zu können. „Natürlich haben wir versucht, die Gäste rechtzeitig über die Straßensperre zu informieren“, schilderte Alfons Parth, Obmann des TVB Paznaung Ischgl. „Diejenigen, die wir erreicht haben, sind am Samstag zu Hause geblieben.“

Nachdem die Talstraße wegen Lawinengefahr bei Kappl/Nederle abermals gesperrt werden musste, plädieren die Touristiker mit Nachdruck: „Es ist jedem klar, dass das Paznaun eine wintersichere Talstraße braucht.“ Die Sperre bei Kappl beschert, so Parth, den Ischgler und Galtürer Tourismusbetrieben täglich satte Umsatzausfälle in Millionenhöhe.

Treffpunkt der vorerst „gestrandeten“ Urlauber war die Autobahn-Raststation Trofana in Mils bei Imst. Dort wurde bereits am Vormittag der von den Tourismuverbänden eingerichtete „Info-Point“ aktiviert. Nachdem auch die BH-Landeck, Rundfunk, Polizei und ÖAMTC diese Servicestelle empfohlen hatten, mussten sich die anreisenden etwas in Geduld üben. Das vierköpfige Team hatte alle Hände voll zu tun, um Unterkünfte zu vermitteln. „Die Zimmer im Raum Landeck waren rasch ausgebucht. Wir haben die Gäste dann bis nach Pfunds und auch in den Bezirk Imst vermittelt“, schilderte eine Mitarbeiterin vom Info-Team. „Eine russische Familie hat auch gefragt, ob wir einen Hubschrauber nach Ischgl vermitteln können.“

St. Christoph und St. Anton nicht erreichbar

Am Nachmittag wurde wegen Lawinengefahr auch die Kaunertaler Landesstraße L 18 ab dem GH Alpenrose und die Zufahrt nach St. Christoph und St. Anton von der Arlbergschnellstraße gesperrt. Die Orte auf der Tiroler Seite des Arlberg sind damit neuerlich nicht erreichbar. Auch im Lechtal waren mehrere Straßen und Seitentäler unpassierbar, so auch die Straße nach Steeg. Das Kühtai ist ebenfalls neuerlich nicht erreichbar.

Die Stanzertaler Landesstraße (L68) zwischen Schnann und Pettneu ist ebenfalls nicht passierbar. Aufgrund hoher Lawinengefahr bleiben die Verbindungen Stanzach - Namlos sowie Elmen - Bschlabs weiterhin gesperrt. Neu hinzugekommen sind Samstagmittag die Straßen zwischen Stanzach und Vorderhornbach sowie zwischen Häselgehr und Gramais.

Grenzübergang Scharnitz gesperrt

Von der erhöhten Lawinengefahr ist auch der Grenzübergang Scharnitz betroffen und für den Schienen- und Straßenverkehr gesperrt. Im Bezirk Imst ist derzeit die Venter Landesstraße zwischen Vent und Zwieselstein nicht passierbar. Die aktuellen Verkehrsinformationen des ÖAMTC finden Sie hier: http://go.tt.com/yfJr6H

Bahnstrecken gesperrt

Massive Neuschneemengen im Arlberggebiet und die Einschätzung der Lawinenkommission führten zu einer Sicherheitssperre der Arlbergbahnstrecke zwischen Bludenz und Landeck. Ein Schienenersatzverkehr mit ÖBB-Postbussen wurde eingerichtet. Wegen gleichzeitiger Straßensperren können die Bahnhöfe St. Anton und Langen am Arlberg nicht angefahren werden. Darum wurde von Bludenz aus ein Shuttleverkehr mit ÖBB-Zügen bis zum Bahnhof St. Anton am Arlberg eingerichtet.

Der Nachtzug Wien – Zürich – Wien wurde großräumig von Salzburg über München – Karlsruhe – Zürich umgeleitet. Auf der Ausfallstrecke Salzburg – Feldkirch wird ein Ersatzbus gefahren.

Die Karwendelbahn zwischen Innsbruck und Scharnitz ist wegen umgestürzter Bäume und Lawinensituation gesperrt. Ein Schienenersatzverkehr mit Bussen wurde eingerichtet. Der Grenzübergang nach Mittenwald ist wegen Lawinengefahr dicht.

Die Außerfernbahn ist seit dem frühen Abend wieder in Betrieb.

Fast alle Tiroler Haushalte mit Strom versorgt

Für die Service-Trupps der Tiwag entspannt sich die Lage. Bis in die späten Abendstunden konnten alle Mittelspannungsstörungen behoben werden, berichtet die Tiwag. In der Nacht waren nur noch wenig Baumstürze, die neue Leitungsbeschädigungen verursachten, zu verzeichnen. Diese Schäden konnten noch während der Nacht weitgehend behoben werden. Momentan sind der Tiwag zufolge wieder fast alle Tiroler Haushalte versorgt.

Seit Freitagabend mussten die Service-Trupps der TIWAG-Netz AG an die 50 Hoch- und Mittelspannungsstörungen beheben. Durch die Schäden an den Leitungen waren am Samstag insgesamt 600 Stationen und mehr als 30.000 Kunden ein – oder mehrmals ohne Strom.

Am Sonntag soll die nächste Kaltfront aus Nordwest folgen. Die Lawinenexperten rechnen nicht mit einer raschen Entspannung der Lawinensituation. (deda, tt.com, APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Sa, 21.01.2012  09:05
aktualisiert: So, 22.01.2012  06:27
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