Liebesgrüße aus Moskau: Ein eigenes Tirol-Dorf
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Viktoria, Mikhail und Igor (v. l.) sind zum dritten Mal im Hotel Central abgestiegen. Russische Spuren in Sölden (v. l.): Reisebüro, Wodka, kyrillische Schrift.Fotos: Böhm
Foto: TT / Thomas Boehm
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Von Michaela Spirk-Paulmichl
Sölden – „Die Russen kommen“: Die anfänglichen Meldungen über das große Interesse russischer Urlaubsgäste an Tirol, sie hatten etwas Bedrohliches. Doch während Kitzbühel über eine „Russen-Quote“ sprach – wofür man sich später entschuldigte –, dachten sich Ötztaler Touristiker „früher Vogel fängt den Wurm“ und reisten nach Moskau und Petersburg. Wenige Jahre später in Sölden, das bis heute eine Vorreiterrolle am inzwischen längst umkämpften russischen Markt einnimmt: In den stark frequentierten Jännerwochen arbeitet eine russisch sprechende Mitarbeiterin am Schalter des Tourismusbüros, es gibt russische Reisebüros, ins Russisch übersetzte Speisekarten und Skilehrer, die mit den hochwillkommenen Gästen aus dem Osten kommunizieren können. Und die ersten Russen, auf die wir trafen, entsprachen so gar nicht dem verbreiteten Vorurteil. Es war eine Familie aus Moskau, die Tirol so sehr liebt, dass sie in ihrer Heimat ein Dorf nach dem Vorbild Söldens bauen will.
Vor diesem Hintergrund eine kleine Untersuchung der am meisten verbreiteten Klischees:
Klischee Nummer 1: Wodka. (Nicht nur) Russen trinken ihn, Lokale bieten ihn an, Reisever- anstalter bringen ihn als Werbegeschenke mit nach Tirol. So wie umgekehrt der Tiroler stolz einen guten Schnaps präsentieren würde. Doch natürlich: Russen werden mit Wodka in Verbindung gebracht, womöglich „um die Wette trinkend und grölend“, wie Leo Holzknecht, Ötztal Tourismus, eines der gängigsten Vorurteile beschreibt. Doch die Meinung habe sich etwas geändert, die Gäste treten nicht negativ in Erscheinung. Das habe wohl auch damit zu tun, dass es inzwischen sehr viele Familien nach Tirol zieht. Und Gruppen alleinstehender Männer, die in Lokalen so richtig Gas geben, die fallen vermutlich immer auf, egal woher sie kommen.
Klischee Nummer 2: Es sind vor allem die schwerreichen Russen, die nach Tirol kommen. Laut Holzknecht war das anfangs auch so, inzwischen sei es die gut etablierte Mittelschicht, die es früher in Russland einfach nicht gegeben habe.
Klischee Nummer 3: Russische Gäste schmeißen mit Geld um sich. So mancher Geschäftsmann in Sölden würde ihr Verhalten vielleicht so bezeichnen, andere sagen dazu: Sie lassen es sich gerne gutgehen, achten auf Topqualität – und das nicht gerade zum Schaden des Tourismus. „Russen suchen nach Qualität und Markenware“, meint Leo Holzknecht.
Urban Gstrein, Leiter der Skischule Ötztal, ist immer auf der Suche nach russisch sprechenden Skilehrern: „Es kann passieren, dass eine Familie – Vater, Mutter, zwei Kinder – gleich vier Skilehrer bucht.“ Das seien dann meistens die Russen.
Klischee Nummer 4: Russen sind mürrische, grobe Menschen. „Anfangs sind die meisten etwas abwartend“, sagt Frau Renate vom Fünf-Sterne-Hotel Central. „Doch wenn man einen Zugang zu ihnen findet, sind das sehr herzliche, dankbare Menschen, die unsere Dienstleistung vielleicht sogar mehr schätzen als andere.“ Die einzelnen, mitunter historisch bedingten Ressentiments gegen russische Gäste bedauert sie sehr: „Da könnten sie auch uns Österreichern oder den Deutschen voreingenommen begegnen.“ Und: „Die Menschen spüren, ob sie willkommen sind oder nicht.“
Schon das dritte Mal in Sölden ist eine Familie aus Moskau: Gemeinsam loben Bauunternehmerin Viktoria und ihr Mann Mikhail, die mit ihren drei Kindern und der Großmutter angereist sind, die Freundlichkeit der Menschen in Tirol, die familiäre Atmosphäre, besondere Lebenskultur und das Essen. „Wiener Schnitzel is the best.“
„We like this place so much!“, „wir mögen diesen Ort wirklich sehr“, sagen die beiden. Moskau sei eine sehr kalte, sehr laute Stadt mit viel Verkehr, und die Menschen hätten viel zu wenig Zeit für ihre Kinder. „Ich sehe meine zwei Monate im Jahr, während ich drei Monate nur im Verkehr stecke“, erzählt Mikhail. Die Familie wohnt in der 38. Etage eines modernen, fünfzigstöckigen Hochhauses.
Weil es ihnen in Tirol so gut gefällt, planen sie ihr eigenes Tiroler Dorf in der Nähe von Moskau – mit kleinen, traditionellen Häusern aus Holz und Stein, wie es sie in Sölden gibt, mit Hügeln, Platz zum Spielen für die Kinder und einem Bach – einen Wohnort für Familien, „etwas für die Seele“.






