Der Ekel beim Waterboarding
Von Peter Angerer
Innsbruck – In Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ ist US-Präsident George W. Bush während eines Besuchs in einer Schulklasse zu sehen, wie er von den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 informiert wird und in seiner Hilflosigkeit erstarrt. Es gibt eine ähnliche Aufnahme von seinem Nachfolger Barack Obama, der am 1. Mai 2011 bei einem Festbankett für die politischen Korrespondenten zur Hochform aufläuft. Er verhöhnt den Immobilienspekulanten Donald Trump, der sich das Dinner nicht entgehen lassen wollte. Das Gelächter nützt der Schauspieler Seth Meyers für eine Witzeinlage. Er verkündet, Osama bin Laden moderiere täglich zwischen 4 und 5 Uhr im Hindukusch eine TV-Talkshow. Nach einer Schrecksekunde lacht Barack Obama eher gequält. Das nächste Bild zeigt Obama einige Stunden später – es ist der 2. Mai – beim Betrachten einer Übertragung aus Pakistan. Auf diesem berühmten Bild ist auch die Außenministerin zu sehen, wie sie ihre Hand vor den Mund geschlagen hält und mit vor Entsetzen geweiteten Augen ein sich außerhalb der Fotografie abspielendes Ereignis betrachtet. Dieses Bild, das schon ausgedeutet wurde, steht für die Tötung Osama bin Ladens am 2. Mai 2011.
Die streng geheime Aktion startete eine halbe Stunde nach Mitternacht, in der Armysprache heißt das „Zero Dark Thirty“. So lautet auch der Titel von Kathryn Bigelows filmischer Nacherzählung der zehn Jahre dauernden Jagd nach dem nicht auffindbaren Terroristenführer. Da ein solcher Zeitraum dramaturgisch schwer zu bündeln ist, haben Bigelow und ihr Drehbuchautor Mark Boal die Figur der CIA-Analystin Maya erfunden, sich auf komplexe Themen konzentriert und den Ablauf nach Kapiteln strukturiert. Die beginnen mit Titeln wie „Menschliches Versagen“.
Maya (Jessica Chastain) wurde bereits auf der Highschool von der CIA rekrutiert. Ihre erste und einzige Aufgabe besteht darin, jedes Detail in Akten und bei Verhören nach einem Hinweis zur Terrororganisation Al Kaida oder dem Verbleib Osama bin Ladens zu analysieren.
Den Verhören wohnt sie mit abgebrühtem Pragmatismus bei. Während die anonymen Verhörspezialisten Masken tragen, genügt Maya das Wissen, dass sich die Verdächtigen nie wieder in Freiheit bewegen werden können, um ihr schönes Gesicht zu zeigen. Mit ihrer Alabasterhaut übernimmt sie die Rolle des guten Cops, den es in den Foltergefängnissen zwischen Polen, Irak oder Pakistan natürlich nicht gibt. Den Gefangenen werden Putzlappen über den Kopf gestülpt, sie werden so lange mit Wasser überschüttet, bis das Gefühl des Ertrinkens den Betroffenen zusammenbrechen lässt. Wenn das berüchtigte Waterboarding nicht das gewünschte Ergebnis bringt, gibt es noch Hundehalsband und kleine Kisten. Maya beobachtet diese Vorgänge mit einem Ausdruck des Ekels, der sich nur durch Erfolgserlebnisse besänftigen lässt.
Es sind diese Folterszenen, die in den vergangenen Wochen eine Kontroverse über die Einstellung des Films zur Folter eröffnet hat. Doch Kathryn Bigelow inszeniert diese Folterszenen im ersten Drittel des Films am Rande des Erträglichen, was von einer politischen und moralischen Rechtfertigung weit entfernt ist. Andererseits wurde Folter unter der Bush-Regierung mit markigen Sprüchen verteidigt. Die Macho-Sprache des Dienstes verführt Maya am Ende auch, einen CIA-Direktor (James Gandolfini) mit einer unüblichen Selbstdarstellung zu beeindrucken: „I am the Motherfucker who found Osama bin Laden!“ In den letzten 20 Minuten ist dann mit Handkamera das zu sehen, was Hillary Clinton die Hand vor den Mund schlagen ließ. Diese Geste ist auch im Kino angebracht.





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