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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 06.02.2013

Moonboots für den Racheengel

Im Südtiroler Schnalstal wird der Alpenwestern „Das finstere Tal“ gedreht. Die TT war am frostigen Set, wo Blut und Schnaps floss.

Von Christiane Fasching

Kurzras – „Es war ein Ort, der sich selbst genügte, der kein Außen duldete. Er wehrte sich nicht gegen Besucher – aber er schloss hinter ihnen sofort wieder den Durchlass zu jeder anderen Welt. Wer hierherkam, den verleibte er sich ein.“

So steht‘s in Thomas Willmanns Roman „Das finstere Tal“ geschrieben – und so fühlt man sich, wenn man nach kurviger Anfahrt am Marchegghof in Kurzras gelandet ist. Hier, am äußersten Ende des Südtiroler Schnalstales, weht ein eisiges Lüfterl. Die Zivilisation scheint meilenweit entfernt, die Gegenwart auch. Behäbigen Schrittes stapfen grimmig dreinblickende Männer an der Scheune vorbei – in ihren Bärten wachsen Eiszapfen, von ihren Ledermänteln klopfen sie Stroh und Schnee. Ihr Schuhwerk ist klobig, ihr Gemüt scheint‘s auch zu sein. Da blitzt ein blauer Anorak aus dem braun-grauen Ledermeer hervor und holt einen ins Jetzt zurück. Regisseur Andreas Prochaska wuselt durch den Schnee und gibt den g‘standenen Kerlen Anweisungen, die sie sogleich befolgen. „Verteilt‘s euch ein bisserl. Aber merkt‘s euch bitte auch, wo ihr gestanden seid“, tönt Prochaska – und wirkt dabei glücklich. Wie kommt‘s? „Ich wollte schon als Bub einen Western drehen – und jetzt wird dieser Traum Wirklichkeit“, sagt er. Und lächelt.

Dabei ist die Geschichte, die er gerade in den Kasten bringt, alles andere als lustig. Prochaska verfilmt Willmanns Alpenwestern, der im 19. Jahrhundert angesiedelt ist und in dessen Zentrum die Vergeltung steht: Greider, ein rätselhafter Maler aus den USA, lässt sich eines Tages in einem entlegenen Dorf nieder, um dort den Winter zu verbringen. Mit dem ersten Schnee, der das Tal von der Außenwelt abschneidet, kommt auch der erste Todesfall – auf den noch viele weitere folgen sollen. Trauerarbeit muss vor allem die Familie Brenner leisten, deren Oberhaupt einst das Dorf entdeckte. Gemeinsam mit seinen sechs Söhnen hütet der alte Bauer ein düsteres Geheimnis, das wie ein Schatten über dem Dorf lastet – und auch an Greiders Dasein nagt.

Der Brite Sam Riley, der wie die gesunde Version von Britpop-Wrack Pete Doherty aussieht, spielt den wortkargen Racheengel und muss dabei – wie er sagt – sein „bad german“ auspacken. Mit rauchiger Stimme gibt er am Set ein paar Kostproben und erklärt charmant, dass er die Muttersprache seiner Frau (Riley ist seit 2009 mit Schauspiel-Kollegin Alexandra Maria Lara verheiratet, Anm.) leider „nur a bissl“ könne. In einem Western wollte er schon immer mitspielen – bereits als kleiner Stöpsel habe er mit seinem Großvater geübt, wie man eine (hölzerne) Pistole zieht. Und Clint Eastwood sei ohnedies sein Held. War Eastwood einst im gleichnamigen Western der „Pale Rider“ will Riley nun zum „Pale Greider“ werden. Nur das Schuhwerk passt nicht ganz zu diesem Vorhaben – der fröstelnde Brite trägt flauschige Moonboots. „Aber nur in der Pause“, schmunzelt Riley. Und wird ein bisserl rot.

Wobei: Bei minus zehn Grad ist‘s keine Schande, sich nach Wärme zu sehnen. Erwin Steinhauer, der im Film den diabolischen Pfarrer Breiser verkörpert, steht offen zu seinen hitzigen Geheimnissen – auf den Rücken lässt er sich ein Wärmepflaster kleben, in seinem Umhang sind Batterien eingenäht, die wie eine Mini-Heizung funktionieren. So kommt man durch lange Drehtage – dass der heutige bis 4 Uhr Früh dauern soll, ahnt Steinhauer da allerdings noch nicht. Den bösen Kirchenmann spielt er voll Wonne. „Solche Ekelpakete sind immer wahnsinnig dankbare Rollen“, erklärt er – und grinst. Ziemlich teuflisch.

Tobias Moretti sieht indes beseelt aus. Mitte Jänner, zu Beginn der Dreharbeiten, war das noch anders, gesteht er im Gespräch mit der TT. „Die erste Woche war grausam. Ich bin da grad von der Paris-Dakar-Ralley zurückgekommen und war noch total auf die Hitze eingestellt. Doch statt Wüste gab‘s plötzlich Schneewüste“, erinnert er sich. Aber mittlerweile hat sich Moretti, der in „Das finstere Tal“ einen der kaltblütigen Brenner-Brüder spielt, an die Kälte gewöhnt – vielleicht auch deshalb, weil ihm warm ums Herz wird, wenn er seinen Blick über den Marchegghof schweifen lässt. „Hier ist alles echt, deshalb fühlt man sich auch wirklich in die Vergangenheit zurückversetzt“, schwärmt er. Und schimpft auf „falsche Western mit Plastik-Kakteen“.

In der Küche des Marchegghofs ist rein gar nichts aus Plastik. An der rußigen Decke wurde früher Speck geräuchert, die Kredenz stand schon zu Großmutters Zeiten an ihrem Platz und die Schnäpse werden nach Familienrezept gebrannt. Bäuerin Helene Tumler ist stolz darauf, dass gerade ihr Hof als Filmkulisse ausgesucht wurde – und froh darüber, dass sie einen prominenten Gast bewirten darf. In ihrer Kuchl sitzt Autor Thomas Willmann, nippt an seinem zweiten Himbeergeist und versteht die Welt nicht mehr. „Absurder geht‘s nicht – die verfilmen grad mein Buch“, flüstert er leicht entrückt. „Noch ein Schnapsl?“, fragt Helene. Willmann lehnt dankend ab. Er ist auch so im Alpenrausch.