09.02.2012

Kino-Kritik

Wunder und Illusionen als Kunst

Mit Martin Scorseses „Hugo Cabret“ ist ein berührendes Wunderwerk über die Geschichte des Kinos zu bestaunen.
Kommentar

Von Peter Angerer

Innsbruck – Einmal zeigt Martin Scorsese in „Hugo Cabret“ den Schrecken der ersten Filmvorführung am 28. Dezember 1895 im Pariser Grand Café. An diesem Abend führten die Brüder Louis und Auguste Lumière den 45 Sekunden langen Streifen „Arbeiter beim Verlassen der Fabrik Lumière in Lyon“ und anschließend „Die Ankunft eines Zuges“ vor. Als die mit dem Wunder der Kinematographie nicht vertrauten Zuschauer auf der Leinwand eine Lokomotive auf sich zufahren sehen, springen sie erschreckt auf. Seither versucht die Kinoindustrie mit großem Aufwand und unterschiedlichem Erfolg genau diesen Effekt des lustvollen Entsetzens zu erzielen.

Ein zweites Mal ist dieser legendäre Abend bei Scorsese als Erinnerung des Kinopioniers Georges Méliès (Ben Kingsley) zu sehen. Méliès zeigt 1895 als Theaterbesitzer und Illusionist noch Zauberkunststücke, aber als Zeuge jenes Abends wird er zum Erfinder der größten Illusionskunst – des inszenierten Spielfilms, während die Brüder Lumière dem neuen Medium nicht viel mehr als „lebende Fotografie“, Dokumentation zutrauten.

Méliès verkaufte sein Theater, baute das erste Filmatelier aus Glas, gründete seine Firma Star-Film und drehte als Regisseur und Darsteller bis 1914 etwa 500 Filme, in denen fast alle Erfindungen des Kinos bereits enthalten waren. Aber 1. Weltkrieg und geschäftliche Fehlentscheidungen verwandelten den weltberühmten Kinomagier in die tragischste Figur der Filmgeschichte. Aus dem Kinohandwerk war eine Industrie mit anderen Regeln geworden. Méliès musste in einem kleinen Laden am Pariser Bahnhof Montparnasse Spielzeug verkaufen.

Im Prolog seines „Hugo Cabret“ führt Martin Scorsese den technischen Standard der Kinomagie von 2011 vor. Paris wird samt Eiffelturm illuminiert, dann taucht die 3D-Kamera durch ein Schlupfloch hinter dem kleinen Hugo Cabret (Asa Butterfield) in den Bauch des Bahnhofs, verfolgt ihn auf der Jagd nach Brioches und Milch und klettert mit ihm zu den Uhren, deren Genauigkeit der Bub als besessener Bastler überwacht. Seit dem Tod des Vaters (Jude­ Law) lebt das Waisenkind in einem Versteck auf dem Bahnhof. Der seit dem Krieg invalide und verbitterte Bahnhofsinspektor (Sacha Baron Cohen) hat bereits die Witterung des blinden Passagiers aufgenommen. Mit besonderer Gehässigkeit beobachtet aber der Spielzeughändler Méliès das Kind, dessen einziges Interesse nur einem vom Vater geerbten Automaten gilt. Von diesem Prototyp eines Roboters erhofft sich Hugo eine Botschaft des Vaters. Doch der Maschine fehlen Zahnräder, wie sie in Uhren und Blechspielzeug Verwendung finden. Als die Maschine endlich funktioniert, beginnt sie zu zeichnen. Das Ergebnis ist für Hugo ein unlösbares Rätsel, das Isabelle (Chloe Moretz) lösen hilft. Auch die Enkelin des vom Kinoolymp gestürzten Pioniers ahnt nichts von der wahren Identität ihres Großvaters. Als Detektive schleichen sie in dunkle Kinos und werden zu leidenschaftlichen Jägern der großen Kinoschätze. Sie entdecken Buster Keaton, Charlie Chaplin und Harold Lloyd, der wie Hugo auf Uhren klettert.

Hugo hat aber auch viel von Martin Scorsese, der mit der von ihm gegründeten „Film Foundation“ viel Geld und Zeit aufwendet, um zerstörte Filme restaurieren zu lassen und in das digitale Zeitalter zu retten. In „Hugo Cabret“ sind es zwei Kinder, die das zum größten Teil bereits zerstörte Werk des Illusionskünstlers der Vergessenheit entreißen. In der Wirklichkeit konnte Méliès davon nicht profitieren. Vollkommen verarmt starb er 1938 in einem Altenheim in Orly. „Hugo Cabret“ ist eben ein Märchen, aber eines, das zu Tränen rührt.

Toni Times