25.06.2012, 08:53  Aktualisiert: 25.06.2012, 12:59 

Spielen

Aufruhr in der bunten Plastikwelt

Die neue Produktlinie von Lego – die „Friends“ – verkauft sich gut, und das, obwohl sich vor allem Mütter darüber beschweren, dass das Spielzeug ein altmodisches Frauenbild fördere und sich etlicher Stereotype bediene.
Die blonde Stephanie bäckt laut Lego gerne Muffins für ihre Freundinnen.Foto: LEGO GmbH
Foto: lego

In den Kinderzimmern herrscht wieder Geschlechtertrennung. Zumindest, wenn man sich an der neuen Produktlinie von Lego orientiert.

Noch Anfang der 70er Jahre warb Lego mit Plakaten, auf denen man ein kleines Mädchen und einen Jungen sah, die mit stolz geschwellter Brust ihre aus Lego-Bauteilen kreierten Kunstwerke in die Höhe hielten. Mal waren es kubistisch anmutende Landschaften, mal Flugzeuge oder Gebäude, die die beiden Kinder aus denselben Lego-Teilen gebastelt hatten.

Das Credo von Godtfred Kirk Christiansen, dem Sohn des Lego-Gründers, lautete 1963 nämlich, dass das Spielzeug altersgerecht, aber nicht geschlechtsspezifisch sein sollte. Klickt man heute allerdings auf die Lego-Homepage, findet man Produktlinien wie „Ninjago“, auf deren zugehörigen Werbetrailern man nur spielende Jungen sieht. Und wählt man die Produkte der Linie „Friends“, findet man lediglich Mädchen, die mit den pinken und violetten Plastiksteinen kleine Fantasie-Welten bauen.

„Wir haben uns bei der Herstellung dieser Linien ganz am Wunsch der Kunden orientiert“, so argumentiert Helena Seppelfricke, Pressesprecherin von Lego, das Konzept. Ein Team von Produktdesignern, Marketingstrategen und Pädagogen hat drei Jahre lang Feldstudien betrieben.

Sie kamen zum Schluss, dass Mädchen anders spielen als Jungen. Buben wollen kreativ sein, actionreich und in der dritten Person Spaß haben. Ihnen ist es wichtig, das Spieleset möglichst schnell richtig aufzubauen – am besten im direkten Wettkampf mit Freunden. Mädchen hingegen lassen sich beim Aufbau Zeit, um sich dazu passende Geschichten auszudenken. Sie legen Wert auf Details und die Optik der Figuren. Außerdem spielen sie beziehungsorientiert und aus der Ich-Perspektive.

Die 28 aktuellen Spielesets von Lego orientieren sich hauptsächlich an den Spielewünschen von Buben – es gilt, als Ninja, Ritter, Superheld, Rennwagen oder Polizist Abenteuer zu bestehen. Um nun auch Mädchen für die bunte Plastikwelt zu begeistern, konzipierte die dänische Spielzeugfirma die neue, weibliche Produktlinie der fünf Lego-„Friends“. Jorgen Vig Knudsdorp, CEO der Lego-Gruppe, die 2011 in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Umsatz von 348 Mio. Euro erwirtschaftet hat, bezeichnete die „Friends“ als wichtigste Marktoffensive seit einem Jahrzehnt.

Das Problem an dem weiblichen Konzept, das ein wenig an die Fernsehserie „Sex and the City“ erinnert, ist jedoch, dass es polarisiert – vor allem unter den Müttern. In Amerika starteten diese etwa eine Online-Petition, um Lego zur Rücknahme der Serie zu bewegen. Bisher sammelten sie mehr als 55.000 Unterschriften. Die Mütter bemängeln, dass in der für Mädchen von fünf bis zwölf Jahren entwickelten Spielewelt ein altmodisches Frauenbild vermittelt werde, das sich etlicher Stereotype bedient. Statt der bisher üblichen gelben Köpfe und eckigen Körper der Lego-Figuren haben die Friends Kulleraugen, einen kleinen Busen und Röcke. „Mit den herkömmlichen Figuren konnten Mädchen sich nicht identifizieren. Die Figur der Friends ähnelt der weiblichen Anatomie viel mehr“, weiß Seppelfricke.

„Für mich sind diese neuen Figuren nur ein farbloses Abbild von Heidi Klum“, kritisiert Melitta Walter, Erziehungsberaterin und Autorin mehrerer Elternratgeber. Mädchen würden für dumm verkauft: „Unter anderem auch wegen der Wahl der Interessen, denen die Lego-Friends nachgehen.“ Die fünf Plastikfreundinnen sind entweder in einem Schönheitssalon anzutreffen, schlürfen mit ihren Freundinnen Milchshakes oder backen Muffins. „Diese Charaktere sind sehr oberflächlich gewählt und gesellschaftspolitisch völlig unbedeutend“, erklärt Walter. Mädchen fänden darin keine hilfreichen Identifikationsmöglichkeiten. Selbst Barbie wurde zwar als Hausfrau geboren, arbeitete aber später als Chirurgin, Biologin, Informatikerin, Kampfjet- oder Formel-1-Pilotin.

Ja, es gebe bei den fünf Freundinnen entspannende Hobbys, gesteht Seppelfricke. Allerdings würden die beigelegten, kurzen Biographien der Charaktere auch erklären, dass einige der Plastikmädchen eine Vorliebe für Naturwissenschaft, Musik oder Umweltschutz haben. Dass die braunhaarige Olivia etwa mathematisch begabt ist, könnte eine Konsequenz aus den Fehlern der Barbie-Hersteller Mattel sein. Die verkauften 1992 nämlich eine Puppe, der man die Worte „Mathe ist schwierig“ in den Mund legte – was einen Proteststurm nach sich zog.

„Kinder hinterfragen all diese Dinge meist gar nicht. Sie entscheiden sich oft nur aus einem Grund für konkrete Spielsachen: Ein Kind besitzt etwas und plötzlich wünschen sich alle dasselbe“, gibt Walter zu bedenken. Was man dann kauft, liegt bei den Eltern oder auch Großeltern. Sie entscheiden, was für ihre Töchter und Enkelinnen Sinn macht und womit sie ihr kreatives Potenzial ausschöpfen können. Allerdings relativiert Walter: „Vielleicht zementieren die Friends ein Geschlechterbild. Aber egal, ob man seinem Kind nun diese Spielsachen kauft oder andere – die Kleinen werden bestimmt keinen Schaden fürs Leben davontragen.“

(Judith Sam)

Toni Times