Reutte
Wiesenegg wirft (fast) alles hin
Von Helmut Mittermayr
Reutte – Jetzt scheinen die Dämme zu brechen. In der Stichwahl um den Reuttener Bürgermeister zwischen Dietmar Koler und Alois Oberer werden die Handschuhe ausgezogen und es wird mit bloßen Fäusten zugeschlagen. ÖVP-Kandidat Dietmar Koler verweist etwa darauf, dass es interessant sei, auf Google die Worte „Oberer“ und „KPÖ“ einzugeben. „Wer das tut, findet eine offizielle Wahlempfehlung der Tiroler KPÖ für Alois Oberer“, erklärt Koler süffisant. Er hat Recht. Ein Auszug aus der nicht ganz aktuellen KPÖ-Homepage: „Es ist begrüßenswert, dass sich neben einem Unternehmer (Koler, Anmerk. d. Red.) und einem Adeligen (Wiesenegg) auch ein langjähriger Arbeitnehmervertreter um den Bürgermeistersessel bewirbt. Mit Oberer könnte frischer Wind in die... etc.“
Alois Oberer will davon nichts gewusst haben: „Ich bin wirklich überrascht. Aber wenn die KPÖ glaubt, mich unterstützen zu müssen, dann soll sie es tun. Wir sind absolut unabhängig und jeder kann zu meiner Wahl beitragen. Aber ich weiß schon, wo der Wind herweht. Wir hatten mit Stefan Demelius ja auch einen KPÖ-Mann hinten auf unserer Liste.“
Eine weitere Hilfestellung mit maximal 86 Stimmen im Gepäck kommt aus einem ganz anderen Eck. Nach dem Motto „Der Feind meines Feindes könnte mein Freund sein“ gibt die vom Wähler abgestrafte FPÖ Reutte zumindest eine Teilempfehlung für Alois Oberer ab. Listenfünfte Beate Außerladscheider: „Wir haben ihn schon im ersten Wahlgang gewählt.“ Offiziell will sich die FPÖ laut Sohn Luca aber nicht deklarieren.
Nach Grün, Dunkelrot und Blau fehlt dem ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden von Plansee kurioserweise die offizielle Unterstützung jener Partei, bei der er seit 30 Jahren Mitglied ist – der SPÖ. BM Helmut Wiesenegg (SPÖ) kann sich zu diesem Schritt nicht durchringen, zieht aber auch seine Unterstützung für VP-Mann Dietmar Koler wieder zurück. „Ich helfe niemandem, die Reuttener wissen selbst am Besten, was sie zu tun haben.“
Die jahrzehntelange politische Karriere Wieseneggs endet in wenigen Tagen: „Ich werde mein Mandat im Reuttener Gemeinderat nicht annehmen und alle Funktionen niederlegen.“ Wieseneggs Hoffnung auf ein Koalitionsangebot der ÖVP hat sich nämlich seit gestern in Luft aufgelöst. VP-Mann Dietmar Koler gab gegenüber der TT bekannt, „dass unsere Liste mit ihren acht Mandataren sich entschlossen hat, mit niemandem eine Koalition zu schließen. Wir suchen uns freie Mehrheiten, um für Reutte das beste Ergebnis zu erreichen.“ Nachdem sich der zweite Wahlsieger – die Liste Team Leben mit Alois Oberer – schon vor der Wahl auf die gleiche Vorgangsweise festgelegt hat, wird es im Reuttener Gemeinderat künftig das freie Spiel der Kräfte geben.
Die Arbeit als einfacher Gemeinderat ist für Wiesenegg also nicht mehr vorstellbar. Nur Aufsichtsratspräsident in der Holding der millionenschweren Reuttener E-Werke will er bleiben. Dort sitzt übrigens auch Dietmar Koler. Diese Posten hatten ÖVP und SPÖ noch vor der Wahl gemeinsam vergeben.
Neben Helmut Wiesenegg wird übrigens auch die Nummer zwei der SPÖ-Liste ihr Mandat nicht annehmen. Rosalinde Schottenhammls Traum einer Vizebürgermeisterin ist am Wahlabend zerplatzt. Die Newcomerin geht ohne ein einziges Mal angelobt worden zu sein: „Wir haben haushoch verloren. Ich wollte mit Helmut Wiesenegg als Bürgermeister zusammenarbeiten. So macht das keinen Sinn, das wird mir zu viel. Die Männer schaffen das besser.“ Schottenhamml meint damit Siegfried Siebenhüner, Günther Fasser und Tobias Falger, die künftig die drei SPÖ-Mandate bekleiden werden.
Auf den Er-sei-kein-Urreuttener-Sager antwortet Oberer konkret: „Koler will also der bessere Kandidat sein, weil seine Familie angeblich schon so lange in Reutte lebt. Dabei reicht sein Reuttetum auch nur zwei Generationen zurück. Aber mir soll es recht sein. Wenn mich alle irgendwann Zugereisten wählen, die für Koler als Nicht-Urreuttener nichts zählen, dann werde ich die Wahl haushoch gewinnen. Nachdem alle so nervös werden, scheint dies wahrscheinlich zu werden.“
Oberer will auch eine Mär endgültig ausräumen: „Ich bin nicht angetreten, um Helmut Wiesenegg zu verhindern. Ich bin angetreten, um Bürgermeister von Reutte zu werden. Dieses Ziel verfolgen die Liste Team Leben und ich mit aller Konsequenz.“




