26.07.2010, 10:38  Aktualisiert: 16.02.2011, 10:22 

Tote bei Loveparade

Verletztenzahl deutlich gestiegen - Bürgermeister wird zum Hassobjekt

Nach neuen Erkenntnissen wurden bei der Massenpanik 511 Menschen verletzt. Adolf Sauerland, Duisburgs Bürgermeister schlägt indes die Wut der Trauernden entgegen.
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Duisburg – Die Zahl der Verletzten nach der Katastrophe bei der Duisburger Loveparade ist nach einer aktuellen Zählung der Staatsanwaltschaft deutlich gestiegen. Nach neuen Erkenntnissen wurden 511 Menschen verletzt, wie der Sprecher der Duisburger Staatsanwaltschaft, Rolf Haferkamp, am Montag mitteilte. 43 Menschen wurden demnach auch zu Wochenbeginn weiter in Kliniken behandelt, ein Opfer schwebte in Lebensgefahr.

Angaben revidiert

Die neuen Verletztenzahlen beziehen sich nach Angaben der Duisburger Polizei auf die gesamte Dauer der Loveparade vom Samstag. Bei einer Massenpanik während der Techno-Parade waren 19 Menschen getötet worden. Die Zahl der Verletzten hatten die Behörden am Wochenende noch mit mehr als 340 angegeben. Auch hatte es am Montag zunächst geheißen, keiner der Verletzten schwebe mehr in Lebensgefahr.

Ausgebuht, beschimpft, mit Müll beworfen

Sauerland wurde mittlerweile zum Hassobjekt der Trauernden. Der Bürgermeister wurde am Sonntag von Trauernden körperlich angegriffen. Er wurde ausgebuht, beschimpft, ein Mann habe ihn mit Müll beworfen und am Sakko getroffen, berichtete die „Bild“-Zeitung am Montag. „„Du geldgeiler Idiot!“, „Du hast gewusst, dass das passiert.“, „Tritt zurück, du feiges....“, zitiert die deutsche Boulevardzeitung einige wütende Anwesende. Leibwächter zogen den Bürgermeister weg zu seinem Dienstwagen. Auch die Polizei greift mit fünf Beamten ein, um die Situation zu entschärfen.

Sauerland bestätigte den Angriff, zeigte aber Verständnis. „Das ist so. Das waren Menschen, die trauern, die ihren Emotionen freien Lauf gelassen haben und das verstehe ich.“ Dennoch verteidigte Sauerland auch die Verantwortlichen der Stadt Duisburg. „Wir haben alles darum gegeben, ein sicherer Austragungsort zu sein, dafür haben wir gearbeitet, dafür haben wir gekämpft.“

Angesichts scharfer öffentlicher Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen werde er der Frage nach persönlicher Verantwortung für das Unglück nicht ausweichen, versicherte der Politiker. Zunächst gehe es aber darum, die Geschehnisse aufzuklären und alle Informationen der Staatsanwaltschaft zur Verfügung zu stellen. „Wenn wir wissen, was passiert ist, werden wir uns der Frage nach der Verantwortung stellen.“

Ein internes Verwaltungsdokument aus Duisburg belegt nach Informationen von „Spiegel online“ die Schwachstellen des Sicherheitskonzepts bei der Großveranstaltung mit insgesamt bis zu 1,4 Millionen Besuchern. So habe der Veranstalter nicht die sonst vorgeschriebene Breite der Fluchtwege einhalten müssen. Zugleich sei das Gelände ausdrücklich nur für 250.000 Menschen zugelassen gewesen. Außerdem hätten die Beamten auf Feuerwehrpläne verzichtet. „Spiegel online“ berichtete weiters, dass eine Dienststelle der Bundespolizei nach der Katastrophe alle Unterlagen gelöscht habe, was von dieser zurückgewiesen wurde.

Noch keine Anzeigen

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Duisburg, Rolf Haferkamp wollte zunächst keine Angaben zu den Medienberichten machen. Es seien eine Reihe Unterlagen beschlagnahmt worden, die nun ausgewertet werden müssten, sagte Haferkamp. Erst danach lasse sich sagen, ob sich Beweise zulasten einzelner Verantwortlicher bei der Genehmigung, Organisation und Ausführung der Veranstaltung verdichteten.

Die Ursachenforschung läuft, eine rasche Aufklärung ist aber nicht zu erwarten. „Das wird Wochen, wenn nicht Monate dauern“, sagte Haferkamp. Es müssten viele Zeugen befragt werden, die auch erst ausfindig zu machen sind. „Wir werten auch Fotos und Videos aus.“

Derzeit liefen die wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung eingeleiteten Ermittlungen weiterhin gegen Unbekannt. Bei der Staatsanwaltschaft waren bis Montagvormittag noch keine Anzeigen gegen einzelne Verantwortliche eingegangen.

Immer mehr Schuldzuweisungen

Auch am Montag verstummten die Meldungen über Schuldzuweisungen nicht. Die Berufsfeuerwehr Duisburg soll Sicherheitsbedenken gegen das Abhalten der Loveparade gehabt und die Stadt auch entsprechend gewarnt haben.

Zuvor kritisierte die deutsche Polizeigewerkschaft die Veranstalter heftig. Das Sicherheitsproblem bei der Loveparade hat nach deren Einschätzung möglicherweise schon mit der Fehleinschätzung der Teilnehmerzahl begonnen und mit dem unzureichenden Sicherheitskonzept geendet. Auch ein Panikforscher meldete sich am Sonntag zu Wort und wollte ebenfalls die Veranstalter und die Stadt gewarnt. „Wir haben gewarnt, aber wir hätten vielleicht stärker warnen müssen“, meinte Michael Schreckenberg.

Bochums Ex-Polizeipräsident klagt an

Vergangenes Jahr wurde die Technoparty in Bochum abgesagt. Das sei darauf zurückzuführen, dass der damalige Polizeipräsident „ganz klar gesagt“ habe, welche Bedenken bestünden, meinte der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Frank Richter. In Bochum - wie auch in Duisburg - hätte es kein „geeignetes“ Gelände für eine derart große Veranstaltung gegeben, erklärt der ehemalige Polizeipräsident Bochums Thomas Wenner (62) gegenüber der Abendzeitung. „Ich wollte die Sicherheit nicht opfern auf dem Altar der Spaßgesellschaft. Genau das ist nun passiert.“ Er will die Verantwortlichen verklagen. Der Onlineausgabe der „Bild-Zeitung“ sagte Wenner: „Ich zeige den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, die leitenden Beamten der Stadt und die Veranstalter an.“ (red/dpa/APA/AFP/Reuters)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 26.07.2010  10:38
aktualisiert: Mi, 16.02.2011  10:22
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