28.07.2010, 08:07  Aktualisiert: 16.02.2011, 10:25 

Österreich

Missbrauch in Heimen - Fälle in mehreren Bundesländern bekannt

103 Beschwerden von 79 Betroffenen sind bei der vom Land Tirol eingerichteten Ombudsstelle für Missbrauchsfälle bisher eingegangen.

Wien – Nach dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen in kirchlichen Institutionen gehen in den Bundesländern nach und nach Meldungen über Vorfälle ein, die sich in weltlichen Heimen zugetragen haben.

Ein Großteil der Beschwerden bezieht sich auf Fälle, die bereits Jahrzehnte zurückliegen. Manche betroffene Einrichtungen existieren mittlerweile gar nicht mehr.

103 Beschwerden von 79 Betroffenen sind bei der vom Land Tirol eingerichteten Ombudsstelle für Missbrauchsfälle bisher eingegangen.

Neben den 40, die kirchliche Institutionen betrafen, entfielen 25 Beschwerden auf Einrichtungen des Landes Tirol, 14 auf jene der Stadt Innsbruck, neun auf Schulen, zehn auf die Klinik und fünf auf sonstige Vereine.

Zu den Details der Vorwürfe wollte die Jugendanwaltschaft aus Gründen des Opferschutzes keine Angaben machen. Der Großteil der Vorfälle bei privaten Heimen betraf physische Gewalt, aber es gab auch drei Fälle von sexuellen Übergriffen.

Alle Beschwerden gingen auf die Jahre von 1955 bis 1992 zurück. Ein Teil der Einrichtungen existiert bereits nicht mehr.

In Tirol gibt es derzeit 23 stationäre Einrichtungen der Jugendwohlfahrt, die insgesamt 452 Plätze zur Verfügung stellen. Bei den stationären Plätzen handle es sich um Plätze in Wohngemeinschaften, im Betreuten Wohnen, in Kinderdorffamilien und auch in größeren sozialpädagogischen Einrichtungen, mit einer Gruppengröße von höchstens acht Kindern, gab die Leiterin der Jugendwohlfahrt Tirol, Silvia Rass-Schell, gegenüber der APA an.

In Oberösterreich wurden bisher 15 Fälle in weltlichen Einrichtungen an die Kinder-und Jugendanwaltschaft (Kija), die seit rund drei Wochen als offizielle Anlaufstelle fungiert, herangetragen. Im Wesentlichen handelt es sich um Gewaltvorwürfe.

Der älteste Fall stamme aus den späten 1960er Jahren, der jüngste aus dem Jahr 1985, erklärte Kija-Leiterin Christine Winkler-Kirchberger der APA. Ein ehemaliger Zögling soll beispielsweise mit Duldung der Erzieher von anderen Jugendlichen tätowiert worden sein.

Bisher hat die Kija noch keine Anzeige erstattet. Sie führt derzeit erste Gespräche mit Betroffenen, versucht die gemeldeten Fälle zu verifizieren und lotet aus, welche Konsequenzen die Opfer sich wünschen. Bis Oktober hofft man, sich einen Überblick verschafft zu haben.

In Oberösterreich gibt es drei Landesjugendheime - Linz-Wegscheid, Leonstein und Schloss Neuhaus. In diesen sind insgesamt 126 Kinder untergebracht (Stand Ende 2009). Dazu kommen noch 759 Kinder in 65 privaten sozialpädagogischen Einrichtungen, die über die Jugendwohlfahrt finanziert werden.

Generell gebe es keine klassischen „Großheime“ mehr, sondern die Unterbringung erfolge durchwegs in kleinen familienähnlichen Strukturen, hieß es aus dem Büro des Sozialreferenten, Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Ackerl (S).

Aktuelle Missbrauchsanzeigen liegen im Burgenland laut dem Kinder- und Jugendanwalt Christian Reumann keine vor, aber „es gibt immer wieder was“. Er bearbeite momentan drei Fälle, die bereits über 20 Jahre zurückliegen und in Schulen passiert seien.

„Die Menschen sollen wissen, dass es auch Jahre oder Jahrzehnte danach noch wichtig ist, darüber zu reden“, sagte Reumann. Selbst wenn es damals „nur“ ab und zu eine „Watsch‘n“ war oder „der Lehrer einen schikaniert hat“.

Genaue Zahlen zu den bisherigen Missbrauchsfällen könne er nicht nennen: „Jede Zahlennennung würde die Realität verzerren.“ Grund dafür sei, dass sich viele nicht trauten, etwas zu sagen.

„Im ländlichen Bereich ist die Hemmschwelle hier bestimmt viel größer, auch wenn sich mittlerweile schon mehr Betroffene trauen, sich an eine Beratungsstelle zu wenden.“

Im Burgenland leben rund 340 Kinder und Jugendliche in insgesamt 18 Fremdunterbringungseinrichtungen. Dabei handle es sich meist um sozialpädagogische Wohngemeinschaften, die ausschließlich von privater Hand, mit Unterstützung von großen Trägern wie SOS Kinderdorf oder auch Pro Juventute, geführt würden. (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mi, 28.07.2010  08:07
aktualisiert: Mi, 16.02.2011  10:25
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