20.07.2010

Innsbruck

Zivilcourage, ein Fremdwort? Verletzter Alois Partl ohne Hilfe

Nach einem Sturz lag Altlandeshauptmann Alois Partl schwer verletzt und bewusstlos im Treppenhaus einer stark frequentierten Parkgarage. Erst nach sechs Stunden alarmierte jemand die Rettung.
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Von Mario Zenhäusern

Innsbruck – Alois Partl hat sich blendend erholt. Beim Interview mit der Tiroler Tageszeitung wirkt der 81-jährige Altlandeshauptmann topfit. Körperlich ist ihm nichts anzumerken, auch auf die Jagd geht er wieder mit Freuden, wie er sagt. Aber der Politiker ist nachdenklich geworden. Kein Wunder, bei dem, was ihm passiert ist.

Der rüstige Pensionist hatte am 19. März an einer Veranstaltung im Landhaus teilgenommen. Sein Auto hatte er wie immer bei derartigen Anlässen in der Landhaus-Parkgarage abgestellt.

Gegen 15.30 Uhr trat er den Heimweg an. „Auf dem Landhausplatz ist ja derzeit Baustelle, deshalb steht auf dieser Seite nur ein Abgang zur Verfügung“, erzählt Partl. Auf dem Weg durch dieses Treppenhaus muss der beliebte Politiker zu Sturz gekommen sein: „An die erste Stufe kann ich mich erinnern. Dann ist alles weg. Wahrscheinlich bin ich ausgerutscht und das Stiegenhaus hinuntergestürzt.“

Schwer verletzt, bewusstlos und stark blutend blieb der langjährige Landespolitiker auf einem Podest liegen. Eigentlich hätte der Unfall nicht lange unentdeckt bleiben dürfen: Die Landhausgarage ist stark frequentiert, die Sperre anderer Zu- und Abgänge erhöhte die Chance, dass Passanten an der Unfallstelle vorbeikamen. An diesem Freitag im März aber wollte niemand etwas sehen. Hilfe kam erst Stunden später! Um exakt 21.18 Uhr ging in der Landesleitstelle der Notruf ein, dass im Abgang zur Landhaus-Tiefgarage eine verletzte Person liege.

Alois Partl lag also knapp sechs Stunden in diesem Treppenhaus. Unbemerkt? Wohl kaum. Es ist nicht anzunehmen, dass in dieser Zeit niemand das Treppenhaus benützte. Übersehen konnte man den Schwerverletzten auch nicht. „Sicher sind viele vorbeigegangen. Ich lag ja mitten im Weg. Wahrscheinlich mussten sie regelrecht über mich drüberklettern.“

Dieses massive Wegschauen, die verweigerte Hilfeleistung – das stimmt den Politiker nachdenklich. „Wir haben so glänzende, hervorragend ausgestattete medizinische Notfalleinrichtungen. Alles, was es braucht, ist, dass jemand auf den Alarmknopf drückt. Wenn das nicht der Fall ist  . . .“ Er könne sich nicht beklagen über die sechs Stunden bis zum Eintreffen des Notarztes, „weil ich ja nichts gespürt hab‘. Ich konnte mich bis jetzt nicht einmal bei jener Person bedanken, die dann die Rettung alarmiert hat.“

Ab dem Zeitpunkt der Alarmierung sei übrigens alles wie am Schnürchen gelaufen, sagt Partl. Der 81-Jährige hatte sich bei seinem Sturz über die Stiege einen Schädelbasisbruch samt Gehirnblutung und mehrere Platzwunden zugezogen. Die behandelnden Ärzte an der Universitätsklinik für Neurologie verlegten den Patienten sofort auf die Intensivstation.

Dort kam Alois Partl gegen 23 Uhr wieder zu sich. „So traurig die ganze Sache zuerst war, so glänzend hat es nachher funktioniert. Ich wurde optimal betreut.“ Vor allem der Klinik streut er Rosen – und das nicht nur aus der Sicht eines prominenten Sonderklasse-Patienten: „Ich bin fest davon überzeugt, dass hier alle Patienten so gut betreut werden. In solchen Situationen denkt man natürlich auch daran, was für ein Segen es ist, wenn man eine derart gute medizinische Versorgung hat wie wir in Tirol.“

Vier Monate und eine schwere Operation später ist Partl wieder ganz der Alte. „In der Vorwoche war ich bei einer Untersuchung. Die hat ergeben, dass ich wieder bundesheertauglich bin“, ist er bereits zu Scherzen aufgelegt. Sorgen bereitet ihm lediglich die fehlende Zivilcourage, die viele davon abhält, in ähnlich gelagerten Fällen richtig zu reagieren und Alarm zu schlagen. Vielleicht aber, so sagt er zum Schluss, führt die Schilderung seines Schicksal bei dem einen oder anderen zum Umdenken. Einen Versuch ist das in jedem Fall wert.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 20.07.2010
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