27.07.2010

Innsbruck

Kostbares Wasser zum Überleben

Versandeter Boden, verdörrte Pflanzen, Hunger. Mut macht den Menschen im westafrikanischen Burkina Faso die Caritas Innsbruck. Sie baut Regenwasser-Rückhaltebecken und treibt ein Viehzuchtprojekt voran. Ein Lokalaugenschein.
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Die Augustsammlung:

Caritas: In über 300 Projekten in Afrika, Asien und Lateinamerika unterstützt die Caritas notleidende Menschen. In Burkina Faso, einem der Schwerpunktländer der diesjährigen Augustsammlung, leiden viele Menschen unter extremer Dürre. Wüste und Steppe breiten sich zunehmend aus. Die Bauernfamilien müssen um ihre Ernten bangen, denn die Hitze macht sie oft kaputt. Saatgut und Werkzeug für eine notleidende Bauernfamilie im Südsudan kosten 25 Euro. Das Anlegen eines Boulis (Wasserspeichers) kostet 100.000 Euro. Wenn also 1000 Menschen 100 Euro spenden, kann der Bau beginnen. Caritas Spendenkonto: Kto.-Nr. 670.950 – RLB Tirol (BLZ 36.000) Kennwort: Afrikasammlung 2010.

Von Isolde Zwerger

Burkina Faso, Innsbruck – Der kleine Bus der Caritas, der auf der verstaubten Straße Richtung Norden rollt, hält plötzlich an – schon vor dem Dorf Baraboulé. Weil so gut wie alle Einwohner des Ortes am Straßenrand stehen. Sie sind ihren Gästen entgegengegangen, sie wollen die Mitarbeiter der Caritas rund um Caritas-Präsident Franz Küberl gebührend empfangen. Bei Gluthitze haben sie gewartet – vor allem auf „ihre Prinzessin“, wie Bürgermeister Dicko Amadou Hamadoum Verena Egger nennt. Denn die langjährige Mitarbeiterin der Caritas Innsbruck war es, die maßgeblich den Bau eines Bouli vorantrieb und die dieses so wie viele weitere Caritas-Projekte hier nachhaltig betreut.

Bouli, das Wort bedeutet in Burkina Faso Leben, es bedeutet Überleben, und zwar für ganze Dörfer. Auch für Baraboulé, das im Norden liegt, in der so genannten Sahel-Zone, wo es vorkommen kann, dass es nur einmal pro Jahr regnet. Wo nur 400 bis 600 mm Niederschlag pro Jahr fällt. Doch dann wird der Bouli, das Regenwasser-Auffangbecken, das die Caritas Innsbruck initiiert hat und das vom Land Tirol kofinanziert wurde, mit dem kostbaren Nass gefüllt. Dann können die Menschen Gemüse und Obst bewässern, Land fruchtbar machen, das vorher öde war. Denn: „Von den 19 Tiefbohrungen, die die Regierung im Ort vorgenommen hat, gibt es an keiner Stelle mehr Wasser“, schildert der Bürgermeister. Der Grundwasserspiegel sei stark gesunken. Bis zu 70 Meter tief muss heute gebohrt werden, um auf Wasser zu stoßen.

Dass ein Bouli „auch auf der gesellschaftlichen Ebene Auswirkungen“ hat, weiß Caritas-Mitarbeiterin Verena Egger. „Wenn die verschiedenen Ethnien (in Burkina Faso gibt es an die 60; Anm.) nebeneinander ihre Beete bearbeiten, worin sie übrigens von der Caritas geschult werden, ergibt sich ein wichtiger Integrationseffekt.“

Zwiebeln, Tomaten, Kartoffeln. Was es früher hier nie gab, zeigen die Einheimischen nun stolz ihrer „Prinzessin“. Es ist der Ertrag ihrer ersten Ernte, die nur möglich wurde durch das 75.000 Kubikmeter fassende Becken, das Bagger in eine natürliche Senke gruben. Rund 80 Meter im Durchmesser, sieben bis acht Meter tief. Für Caritas-Mitarbeiterin Verena Egger und Abbé Bertrand Sawadogo, den Leiter der örtlichen Caritas in Dori, ging damit ein „gemeinsamer Traum in Erfüllung“.

Dorfchef Hamadoum ist „mehr als dankbar“, dass die Menschen nun in der Trockenzeit Land bewirtschaften können, die jungen nicht mehr abwandern, um in der nahe gelegenen Goldmine zu arbeiten.

Fünf Kilometer weit haben die Menschen vor dem Bau des Bouli das Wasser zu Fuß holen müssen. Jetzt kann es sein, dass das Regenwasser bis auf ein paar wenige Wochen das ganze Jahr über reicht.

Dass es das Wasser ist, das die Einwohner von Baraboulé, die Caritas von Dori, die Caritas von Innsbruck und die Caritas von Österreich hier zusammengeführt hat“, erklärt Franz Küberl auf einem schattigen Plätzchen inmitten der Dorfgemeinschaft. Und: „Das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen ist leicht zu formulieren“, sagt er. „Sie haben Zukunft.“ Und für diese, so Küberl, lohne es sich, weiterzuarbeiten. „Ich danke auch den vielen Menschen in Österreich, die dazu beitragen, dass Solidarität etwas Spürbares wird.“

Wasser für Menschen, Feld, aber auch Tiere. Hier setzen die Bemühungen der Caritas ebenso an – bei der Viehzucht. Seit vielen Generationen zogen und ziehen die Peulh (Angehörige einer Ethnie; Anm.) als Nomaden mit ihren Herden durchs Land. Nur sind es jetzt die zunehmend ungünstigen klimatischen Bedingungen, die die Viehbauern in die Knie zwingen, erklärt Hamidou Diallo, Soziologe, 30 Jahre alt, selbst Peulh. Dass weniger Tiere, dafür gut genährte, mehr Wert haben, dafür will das Caritas-Projekt in Dori Bewusstsein schaffen. „Nicht mehr die Tiere legen hier lange, Kräfte zehrende Märsche zurück, um zu Futter zu gelangen. Das Futter kommt zu ihnen“, schildert Caritas-Projektleiter Diallo. Und die „eingezäunten Tiere, die auch noch besser aussehen“, sollen Schule machen. Zwei Rinder, vier Schafböcke, ein Zaun, ein Schubkarren, dazu das Kapital zur Errichtung eines Schattendaches und Werkzeuge. Das ist es, was die Caritas den jungen Tierhaltern zur Verfügung stellt, wenn sie mit den Tieren in ihren Dörfern bleiben. Und begleitende Kurse durch die Caritas. Hamidou Diallo glaubt fest daran, dass sich auch hier alles zum Guten wenden kann. „Wenn die Bauern sehen, dass sie am Markt mit den Tieren höhere Preise erzielen“, sagt er, sei schon ein großes Ziel in der Entwicklungshilfe erreicht.

Die Hälfte des erhaltenen Grundkapitals zahlen die Tierhalter wieder zurück. Und auch die Bewohner von Baraboulé leisteten einen kleinen, ihren Möglichkeiten entsprechenden Beitrag zum Bau des Bouli. Womit die Caritas-Projekte einen „noch größeren Wert für die Menschen annehmen“, erklärt Egger. Und da gibt ihr ein altes afrikanisches Sprichwort Recht. Es heißt: „Wenn dir jemand den Rücken wäscht, dann musst du dir immer noch die Vorderseite selbst waschen.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 27.07.2010
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