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Blutbad ohne Drahtzieher: Attentat in Bologna vor 30 Jahren
Rom – Die Familie Mauri brach am 1. August 1980 im Auto von der lombardischen Stadt Como zu einem dreiwöchigen Sommerurlaub nach Süditalien auf. Die 28-jährige Annamaria und ihr um vier Jahre älterer Mann Carlo freuten sich schon auf den langersehnten Urlaub am Strand mit ihrem sechsjährigen Sohn Luca.
Unweit von Bologna geriet die Familie auf der Autobahn in einen Unfall, ihr beschädigter Pkw konnte nicht sofort repariert werden. Die Familie übernachtete daher in Bologna und wollte am nächsten Tag den Zug nach Apulien nehmen.
Der Sommerurlaub begann für die Familie Mauri nie. Samstag, 2. August 1980, 10.25 Uhr: Im Wartesaal des Hauptbahnhofes von Bologna explodierte ein Koffer mit 23 Kilogramm Sprengstoff. 85 Menschen starben, 200 wurden verletzt, ein ganzer Flügel des Bahnhofs stürzte ein.
Zu den Opfern zählte auch die Familie aus Como. Das Attentat von Bologna vor 30 Jahren ist und bleibt bis heute der schwerste Terroranschlag in Italien seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die Explosion zerstörte einen Großteil des Hauptgebäudes und beschädigte den Zug Ancona-Chiasso, der auf Gleis 1 wartete. Sie war kilometerweit zu hören. Das Dach des Wartesaals brach über den Fahrgästen zusammen, was die Zahl der Todesopfer massiv erhöhte. An jenem Samstag Anfang August, der Hauptsommerzeit in Italien, hielten sich viele Touristen im Bahnhof auf.
Die Stadt war auf eine solch massive Katastrophe nicht vorbereitet. Es standen nicht genügend Rettungswagen zur Verfügung, so dass Busse und Taxis zum Transport der Verletzten in die Krankenhäuser eingesetzt werden mussten.
Die italienische Regierung unter Ministerpräsident Francesco Cossiga und die Polizei gingen zunächst von einem Unfall aus. Recht bald konnte aber ein Zweig der rechtsextremen terroristischen Organisation Ordine Nuovo, die NAR, für den Anschlag verantwortlich gemacht werden, die sich in Italien einen blutigen Wettstreit mit den linksradikalen „Roten Brigaden“ lieferte. Es wurde mehrmals versucht, die Aufklärung zu behindern und die Umstände des Attentats zu verschleiern.
Auf den Anschlag folgten ein langes, verworrenes und umstrittenes Gerichtsverfahren sowie politische Diskussionen. Obwohl es sich um eine Tat rechtsextremer Gruppen handelte, versuchten rechte politische Kreise, den Anschlag der linken Szene in die Schuhe zu schieben. In acht Prozessen zwischen 1988 und 1994 wurden drei Neofaschisten, darunter das Ehepaar Valerio Fioravanti und Francesca Mambro, als unmittelbare Täter zu lebenslänglichen Haftstrafen, bzw. 30 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht befand sie der Ausführung des Terrorakts schuldig.
Weitere Freiheitsstrafen wurden wegen Irreführung und Verschleierung gegen einige Geheimdienstleute und den umstrittenen Chef der Geheimloge Propaganda Due (P2), Licio Gelli, verhängt. Die mutmaßlichen Hintermänner des Anschlags wurden nie ausgeforscht und vor Gericht gestellt.
Die Opfer und ihre Angehörigen mussten bis 2008 auf eine Entschädigungsregelung warten. Die Hinterbliebenen gründeten eine Organisation, um öffentliche Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken.
Angesichts der Verwicklung des militärischen Geheimdienstes SISMI und der Geheimloge P2 sowie des rechtsextremistischen Täterkreises in den Anschlag galt es den beteiligten Richtern zufolge als gesichert, dass das Attentat im Rahmen der sogenannten „Strategie der Spannung“ ausgeführt worden war.
Mit dieser sollte jegliche politische Erneuerung in Italien verhindert werden. Als ebenso gesichert galt, dass es eine Verbindung zu der Geheimorganisation Gladio gab. Gladio war eine paramilitärische Geheimorganisation der NATO, der CIA und des britischen MI6 in Italien während des Kalten Krieges. Die Gladio-Mitglieder sollten nach einer sowjetischen Invasion Westeuropas Guerillaoperationen und Sabotage durchführen.
Wegen dieser Hintergründe stellen die Urteile zu dem Anschlag von Bologna bis heute niemanden in Italien zufrieden. Das zeigt sich immer wieder klar am Gedenktag des Attentats. Da ziehen in der norditalienischen Stadt linke Protestzüge gegen rechte; die beiden politischen Lager beschuldigen einander, die „wirkliche“ Wahrheit unter dem Teppich halten zu wollen.
Immerhin gibt es im „Fall Bologna“ letztinstanzliche Gerichtsurteile. Viele andere Großanschläge aus den „bleiernen Jahren“ des Terrorismus sind bis heute nicht aufgeklärt. Vom ersten Bombenanschlag auf eine Mailänder Bank im Dezember 1969 bis zum Attentat auf einen Schnellzug 15 Jahre später gab es 142 Tote, aber bis heute nur fünf Schuldsprüche.
Der 2. August wurde als Gedenktag an die Opfer ausgerufen. Die Stadtverwaltung von Bologna und der Verband der Angehörigen veranstalten jährlich einen internationalen Komponistenwettbewerb, der mit einem Konzert auf dem Hauptplatz der Stadt, der Piazza Maggiore, endet.
Die beschädigten Gebäudeteile wurden wiederaufgebaut, der Fußboden und ein tiefer Riss in der Wand wurden jedoch als Mahnmal an den Anschlag unverändert beibehalten. Außerdem bleibt die Bahnhofsuhr seit damals auf 10.25 Uhr, der genauen Uhrzeit der Explosion, stehen. (APA)
aktualisiert: Mi, 16.02.2011 10:25




