30.07.2010, 09:31  Aktualisiert: 16.02.2011, 10:25 

International

Mordfall Eva Rhodes: Schlampige Arbeit und gravierende Fehler

Ein Ermittler von Scotland Yard kritisiert im Zusammenhang mit der ermordeten Tierschützerin Eva Rhodes die Arbeit der ungarischen Polizei.

London/Wien – In Kreisen der britischen Polizeibehörde Scotland Yard herrscht Verwunderung über die Ermittlungsarbeit der ungarischen Polizei im Mordfall Eva Rhodes.

Die vorliegenden Berichte aus Ungarn erweckten den Eindruck, dass bei der Absicherung des Tatortes, der Sicherung von Spuren und Beweisen und bei der Forensik „gravierende Fehler“ gemacht wurden, sagte ein Polizeibeamter, der namentlich nicht genannt werden will.

Die Überreste der im September 2008 im ungarischen Böny bei Györ ermordeten Tierschützerin Eva Rhodes wurden von der ungarischen Polizei als „für weitere Untersuchungen nicht mehr notwendig“ zur Bestattung freigegeben, jedoch auf Veranlassung der Familie nach London gebracht, um weitere gerichtsmedizinische Untersuchungen zu beantragen.

Aufgrund von EU-Regelungen können die britischen Behörden erst aktiv werden, wenn ein ungarisches Ersuchen vorliegt. Scotland Yard wäre bereit, etwas zu tun, und habe diese Bereitschaft auch signalisiert, doch Ungarn hat das erforderliche Ansuchen nicht gestellt, heißt es von informierter Seite in London. Die ungarischen Behörden stehen auf dem Standpunkt, dass der Mordfall ausreichend untersucht worden sei.

Die Familie und vor allem die Schwester der Ermordeten, die österreichische Abrüstungsaktivistin Judith Majlath, sind gegenteiliger Meinung und haben die offenen Fragen zur Arbeit der ungarischen Polizei penibel aufgelistet.

Die Polizei habe den Tatort nicht gesichert, dadurch seien offenkundig Spuren vernichtet worden, kritisierte Majlath in einer Sachverhaltsdarstellung, die der APA vorliegt.

Der Mord sei lange als Vermisstenfall behandelt worden und nach dem Tatverdächtigen, von dem das Foto aus einer Überwachungskamera existierte, sei zunächst überhaupt nicht gefahndet worden.

Das Gerichtsverfahren gegen den mutmaßlichen Täter habe begonnen, bevor Klarheit bestand, wie genau das Opfer starb. Der Torso der Ermordeten, der Hinweise auf die Todesumstände liefern könnte, sei bis heute nicht gefunden worden; gefunden wurden lediglich einige Knochen. Der zuständige Richter in Györ habe gegenüber der Tageszeitung „Nepszabadsag“ beklagt, dass er das Verfahren „arm an Beweisen“ führen müsse.

Judith Majlath wirft aber auch Fragen zur Verhandlungsführung des Richters auf. Warum habe der Richter die Kronzeugin in dem im April 2010 begonnenen Verfahren wegen angeblicher Panikattacken privat in deren Haus verhört?

Aus den Polizeiakten gehe hervor, dass diese Zeugin vom Täter in der Mordnacht mehrmals angerufen worden sei, sie habe ihn dann zum Bahnhof gebracht. Sieben Monate lang habe die Frau gegenüber der Polizei geschwiegen, jedoch mehrmals mit dem mutmaßlichen Täter telefoniert.

Warum sei die ehemalige Freundin des Angeklagten, die über seine Gewalttätigkeit berichtet habe, vom Gericht nicht ernst genommen worden. Seien Informationen richtig, dass der Schwiegersohn des Richters Polizist in Györ sei? „So vieles ist in diesem Fall nicht geklärt“, fasst Majlath zusammen.

Warum sei es der Schwester und der Tochter der Ermordeten verweigert worden, vor Gericht Angaben zu machen? Warum seien sämtliche Anträge seitens der Anwälte des Opfers und der Familie vom Richter abgewiesen worden?

Die an multipler Sklerose erkrankte Tochter der Ermordeten sei mit einer hohen Geldstrafe belegt und beinahe von der Polizei aus dem Gerichtssaal geworfen worden - wenn sie nicht vorher von ihrem Anwalt hinausbegleitet worden wäre.

„Die Familie wird vom Richter diffamiert und in Anwesenheit des Angeklagten herabgewürdigt“, beklagt Majlath, die an den bisherigen Verhandlungen teilgenommen hat. „Man fragt sich, wer vor Gericht steht: der Mörder oder die Familie des Ermordeten?“

Majlath sieht mögliche Zusammenhänge zwischen der Verhandlungsführung und dem Umstand, dass die Tochter von Eva Rhodes zu Beginn des Verfahrens eine Verlegung des Verfahrens aus Györ gefordert habe, weil Gericht und Staatsanwaltschaft im Komitat Györ befangen seien.

Diese Befangenheit begründet die Familie nicht zuletzt damit, dass Ungarn ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg im Zusammenhang mit einem unverhältnismäßigen Polizeieinsatz im Tierheim von Eva Rhodes verloren hat und Entschädigung zahlen musste.

Ein gerechtes Gerichtsurteil sei ohne Klärung der genauen Todesumstände nicht möglich, betont Majlath. Der ungarische gerichtsmedizinische Bericht lasse offen, ob das Opfer durch Schläge des Täters oder durch Verbrennen gestorben sei. Sollte Ungarn nicht imstande sein, den Mordfall vollständig aufzuklären, dann müssten EU-Bürger das Recht haben, die zuständigen Stellen bei Scotland Yard zu beauftragen, weitere gerichtsmedizinische Untersuchungen an den Überresten des Opfers durchzuführen, die sich in UK befinden. Und Judith Majlath spricht den Verdacht aus, dass man in Györ das Ausmaß und die Hintergründe des Mordes an Eva Rhodes „vertuschen“ wolle.

Eva Rhodes verschwand am 10. September 2008 in Westungarn. Sieben Monate später wurden ihr Schädel und einige wenige Knochenstücke auf dem Grundstück des Tierheims gefunden. Der Rest des Leichnams wurde bis heute nicht gefunden.

Rhodes war englische Staatsbürgerin und betrieb in Böny-Szölöhegy nahe der österreichischen Grenze ein Tierheim. Im Oktober 2002 kam es bei einem Polizeieinsatz auf dem Anwesen von Eva Rhodes zu einem Zwischenfall mit einem Polizeibeamten.

Der Fall endete vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg; Ungarn wurde wegen eines unverhältnismäßigen Polizeieinsatzes verurteilt und musste Schadenersatz zahlen.

Die Verhandlung im Mordfall Eva Rhodes wird am 2. September in Györ fortgesetzt. (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Fr, 30.07.2010  09:31
aktualisiert: Mi, 16.02.2011  10:25
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