Landeck
„Erinnerung ist frisch, als wäre sie eine Woche alt“
Von Matthias Reichle
Landeck – „Wie eine Lane – eine Lawine – ist die Mure abgegangen. Gestein und Schlamm wurden mit ungeheurer Geschwindigkeit hoch in die Luft geschleudert“, erzählt Ernst Rudigier. Der pensionierte Kappler Volksschuldirektor hat in seinem Leben schon zahlreiche Hochwasser gesehen. Vor knapp zwei Wochen saß er am Schlafzimmerfenster, um die Ereignisse am Diasbach zu beobachten. Wie bei vielen weckte es auch bei ihm Erinnerungen an die Hochwasserkatastrophe von 2005. Damals war er direkt betroffen. Eine Mure am Sessladbach hatte „seine“ Volksschule Sinsen zur Hälfte mitgerissen.
Die Katastrophe traf das Oberland und Außerfern in jenem Sommer mit besonderer Härte und verursachte im Bezirk Landeck im Paznaun, im Stanzertal und im Obergricht dramatische Schäden. Knapp einen Monat vor dem traurigen Jubiläum sind die Bilder von damals wieder in die Köpfe zurückgekehrt. „Die Leute sind nach wie vor traumatisiert“, glaubt Rudigier. Die Muren haben ihre Spuren nicht nur an den Gebäuden hinterlassen, sondern auch an den Menschen. Ein Hochwasser wie damals hatte noch niemand erlebt – die meisten traf es völlig unvorbereitet, und das Ausmaß der Zerstörung hat viele erschreckt.
Reinhard Böss, Bezirksbauamt Imst, erinnerte sich beim Anblick des Murkegels vor zwei Wochen an ein Schild, das die Größe der Katastrophe am besten beschreibt. Es ist am Eingang des Paznaun aufgestellt worden: „Baustelle auf 32 Kilometern“ war darauf zu lesen. Wie alle Mitarbeiter der Wasserbauverwaltung war er heuer wieder viel unterwegs. Die Murabgänge im Paznauntal und im Stanzertal haben sie auf den Plan gerufen. Die Bediensteten des Baubezirksamtes waren auch nach dem Augusthochwasser 2005 für die Aufräumarbeiten entlang der Trisanna, Rosanna und Sanna verantwortlich. „Im Paznaun gab es tatsächlich keinen Kilometer, auf dem nicht etwas passiert war.“
Einige Bilder gehen Böss nicht mehr aus dem Kopf: in der Gemeinde Pians ein erodierter Hang mit einem Anriss mit bis zu 30 Metern Höhe und am Abgrund zwei Häuser die abzurutschen drohten, viele zerstörte Straßenbrücken und Straßenabschnitte im Paznauntal und Stanzertal, das neu errichtete Autohaus Zangerl in der Gemeinde Strengen – zwei Wochen vor der Eröffnung komplett zerstört, das Wasserkraftwerk Wiesberg der Donau Chemie am Zusammenfluss von Trisanna und Rosanna, das bis zu acht Meter hoch überflutet war. Bis heute wurde es nicht wieder vollständig hergestellt. Knapp 30 Mio. Euro würde das insgesamt kosten, erklärt Roland König, Chef der Donauchemie in Landeck und als solcher für das Kraftwerk verantwortlich.
Die am schwersten betroffene Gemeinde war aber Pfunds. Dort wurden in der Unwetternacht vom 22. auf den 23. August allein 80 Gebäude beschädigt. 500 Menschen wurden evakuiert, fünf Wohnhäuser mussten nach der Katastrophe abgerissen werden. Elf Millionen Euro betrugen die privaten Schäden.
Heute befindet sich im Ort ein großes Geschiebebecken, das 15.000 Kubikmeter Stein und Schlamm fasst. „Die Menschen gehen gefasst mit dem Thema um“, sagt Bürgermeister Gerhard Witting. Aber wenn der Stubnerbach anschwillt, eine braune oder schwarze Farbe bekommt, „dann sind die Erinnerungen so frisch, als wäre alles erst vor einer Woche passiert.“
Vertrauen schafft die Verbauung. Im kommenden Jahr dürften die Maßnahmen am Stubnerbach vollständig abgeschlossen werden. Ein 30 Meter hohes Geschiebegatter und ein Becken mit einem Fassungsvermögen von bis zu 130.000 Kubikmetern werden dann fertig gestellt, berichtet der Gebietsbauleiter der Wildbach- und Lawinenverbauung Oberes Inntal, Christian Weber. Wenn er an die Katastrophe zurückdenkt, fällt ihm vor allem die große Hilfsbereitschaft ein und dass alle an einem Strang gezogen haben – wie auch heute wieder. Das Leben geht weiter.
Das sagt auch Andreas Rudigier. Wie viele wird der Kappler nicht gern an das Unglück erinnert. Das Bild seines Hauses, wie es zerstört in die Trisanna abrutscht, ist damals um die Welt gegangen. Seine Frau und er haben es wieder neu aufgebaut, berichtet er. „Aber wir werden es packen. Solange wir gesund bleiben, schaffen wir das.“




