Innsbruck
Chef über 1000 Tonnen Stahl
Von Christoph Mair
Innsbruck – Ein Pfiff und ein Blick und das knapp 1000 Tonnen schwere Ungetüm setzt sich leise in Bewegung. Die Rede ist vom modernsten Gerät, das die ÖBB derzeit auf Schiene haben – dem Railjet. Herr über zwei gekoppelte Garnituren mit mehr als 800 Sitzplätzen ist an diesem Montagmorgen von Innsbruck bis Salzburg Reinhard Burger – seines Zeichens Zugchef oder Zugführer. „Nicht zu verwechseln mit dem Lokführer“, schmunzelt der 40-Jährige über so manche Verwechslung. Der Zugführer sei mit Ausnahme technischer Fragen der Chef eines Zuges. Die meisten Passagiere würden Burger und seinen Kollegen für die zweite Garnitur wohl immer noch als Schaffner bezeichnen, doch die Aufgaben sind weitaus vielfältiger.
Kurz bevor der Zug Innsbruck verlassen hat, übernahm er ihn von seinem Kollegen – ein kurzes Gespräch, schließlich darf nicht viel Zeit verloren gehen. Der Zug nach Salzburg ist nicht seine erste Fahrt an diesem Tag. Tagwache war um 3.30 Uhr. Seine erste Tour führte ihn von Innsbruck nach Mittenwald. Dass der Zugführer mitten in Tirol mit einem deutlich niederösterreichischen Einschlag spricht, verwundert bei einem österreichweit tätigen Verkehrsunternehmen kaum. Kommen eben viel herum, diese Schaffner. Ganz so ist es aber nicht, denn Burger ist seit zweieinhalb Jahren Tiroler. Er wohnt in Reutte – der Liebe wegen, wie er erklärt. Das „Griaß di“ der Tiroler Fahrgäste verschlug dem Niederösterreicher zunächst die Sprache. Allerdings ist es genau diese, die ihn öfter ins Gespräch kommen lässt. Bei einigen seiner regelmäßigen Fahrgäste weiß Burger schon, welche Zeitung sie haben möchten. Die Tiroler Zugbegleiter fahren bis München, Zürich bzw. Salzburg. Früher seien sie bei der Schlafwagenbegleitung noch weiter herumgekommen. Doch ihm bleibt nicht viel Zeit für Nostalgie.
„Heute ist wie an jedem Montag viel los“, sagt der Zugchef und entschwindet sogleich, um die Fahrkarten in der ersten Klasse zu kontrollieren. Erst dann hat er Zeit für ein kurzes Gespräch. Schaffner sei er geworden, weil er einen sicheren Arbeitsplatz gesucht habe, erklärt der gelernte Tischler. Und weil er über zwei Onkel familiär vorbelastet gewesen sei. Mittlerweile macht Burger den Job seit 22 Jahren.
Doch noch bevor er dazu kommt, zu erzählen, was ihm in dieser Zeit alles untergekommen ist, unterbricht ihn ein greller Signalton. Burger springt auf und kommt erst nach einigen Minuten wieder: Feueralarm. Doch der Zugchef gibt Entwarnung. „Da hat wieder einer am Klo geraucht.“
Begonnen hat Reinhard Burger seine Ausbildung wie früher üblich beim Verschub. Das könnte vielleicht ein Grund sein, warum auch heute noch relativ wenig Frauen unter den Zugbegleitern sind. In Tirol sind es von 118 nur drei Frauen. Österreichweit fahren immerhin 175 Zugbegleiterinnen für die ÖBB – bei über 1500 insgesamt. Die Arbeit der Zugbegleiter, die von der Kontrolle der Wagonkupplungen vor Fahrtantritt bis zur Kontrolle nach vergessenen Gepäckstücken am Ende reicht, sei durch die moderne Technik schon einfacher geworden, gibt Burger zu. Allein schon weil die Schaffner früherer Zeiten mit allerlei Vorschriften und Tariflisten in Papierform beladen waren, was heute in einem handlichen elektronischen Gerät Platz findet. „Früher war es vielleicht ein bissl gemütlicher.“ Doch eines ist konstant geblieben: Sind die Schwarzfahrer im Fernverkehr kaum anzutreffen, lassen sich die schwarzen Schafe im Nahverkehr alle möglichen Ausreden einfallen: „Da sind sie gerade mit dem Bus angekommen, obwohl zu dieser Zeit gar keiner ankommt“, kennt der Profi alle Ausflüchte. „Wenn einer behauptet, er hat die Monatskarte vergessen, kenne ich am Gesichtsausdruck, ob er lügt.“ In Salzburg verlässt er den Zug und fährt nach einer Stunde wieder zurück nach Tirol.




