Bedrohte Spezies im Kundendienst
Öl- und Wasserstand prüfen, Scheiben putzen, tanken. Wir haben Handschuhe und Uniform angezogen und uns ein paar Stunden als Tankwart versucht. Ein Berufsbild, das vom Aussterben bedroht ist. Nur an Autobahnstationen, wie etwa der BP bei Weer, sind Tankwarte nach wie vor anzutreffen.
Von Christian Willim
Es ist ein perfekter Wintertag – zumindest für einen Tankwart. Die Sonne scheint. Das Thermometer schlägt Richtung Frühling aus. „Kälte und Nässe sind nämlich das Schlimmste“, klärt mich Kurt Lindner gleich zu Beginn meines Probetags auf. Und er muss es wissen. Seit 30 Jahren befüllt er Autos mit deren Lebenselixier. An kalten wie warmen Tagen. Der frostigste im langen Tankwartleben des Kramsachers wird ihm wohl ewig in Erinnerung bleiben: „Es hat minus 22 Grad gehabt. Da ist sogar der Diesel eingefroren.“
Mit einer Werkstätte möchte der gelernte Mechaniker seinen Arbeitsplatz, an dem pausenlos der tosende Verkehr vorbeibraust, trotzdem nicht tauschen: „Ich habe gerne mit Leuten zu tun.“ Die sind mitunter recht verwundert, wenn ihnen jemand die Arbeit an der Zapfsäule abnimmt. Vor allem wenn sie aus Österreichs nördlichem Nachbarland kommen: „Bei uns gibt es so einen Service ja nicht mehr. Aber ich finde das super“, freut sich ein deutscher Dachdecker, nachdem ich die Scheiben seines Lieferwagens geputzt habe.
In Deutschland ist die Spezies Tankwart praktisch ausgerottet. In Österreich gehört sie seit Längerem zu den bedrohten Arten. Nach und nach wurde praktisch überall auf SB – also Selbstbedienung – umgestellt. An den Autobahnen haben Kurt und seine Kollegen hingegen gute Überlebenschancen. Immerhin ist dort Bedienung gesetzlich vorgeschrieben. Was auch erklärt, warum der Sprit an diesen Tankstellen teurer ist.
Der nächste Kunde rollt an: „Soll ich Öl und Wasser nachschauen“, frage ich, wie Kurt es mir erklärt hat. „Bitte nur das Scheibenwasser nachfüllen“, ruft mir der sichtlich in Eile befindliche Kufsteiner zu, während er in den Shop hetzt. Der sieht längst nicht mehr so aus wie zu Kurts Anfängen. Damals habe es gerade einmal ein paar Lebensmittel gegeben, der Rest war Autozubehör. Heute ist es genau umgekehrt. Statt Motoröl versucht der 56-Jährige mittlerweile Fleischkässemmeln an den Mann zu bringen. Das für die Tankstellen so wichtige Zusatzgeschäft zielt längst auf den Hunger der Fahrer und nicht mehr den Durst von deren Gefährten ab. „Die modernen Autos brauchen ja fast kein Öl mehr“, erklärt Kurt, der nicht nur an der Zapfsäule, sondern auch im Shop Dienst versieht.
Während er aus dem Nähkästchen plaudert, versuche ich die Motorhaube vom Auto meines Kunden zu öffnen. Es ist mir peinlich. Aber der Hebel lässt sich nicht finden. Zum Glück muss auch der Profi ein wenig suchen. Das beruhigt.
„Autos waren auch mal einfacher gebaut“, denke ich und werde indirekt von Kurt bestätigt. Ob er denn mit seinem Mechanikerwissen manchmal auftrumpfen kann, will ich wissen. „Nein. Heute dauert ja schon ein Birnchentausch bei manchen Autos eine halbe Stunde oder länger. Aber natürlich helfe ich, wenn mich jemand fragt.“
Mein Kunde kommt zurück und drückt mir zwei Euro in die Hand. Das erste Trinkgeld. „Manche geben etwas und manche nicht“, meint Kurt lakonisch. Aber dass jeder im Geschäft und nicht mehr wie früher beim Tankwart bezahlt, wird die Zahlbereitschaft nicht gerade erhöhen, geht es mir durch den Kopf.
Mein Lehrmeister nützt die kurze Zeit, in der niemand vorfährt, um eine Runde mit seiner Kehrmaschine zu drehen. Dass es rund um die Tankstelle tiptop aussieht, gehört ebenso zu seinen Aufgaben wie das Schneeschöpfen. 12 Stunden dauert eine Schicht. Das geht in die Beine. „Ganz am Anfang haben meine Füße unglaublich gebrannt.“ Aber da habe ein Dienst auch noch 24 Stunden gedauert.
„Bitte volltanken“, wünscht sich ein älterer Herr von mir. Nur womit? Auf der Innenseite des Tankdeckels verrät ein Kleber, dass es Diesel sein soll. Den falschen Treibstoff einzufüllen, wäre mir wirklich unangenehm. „So etwas kommt schon vor“, gesteht Kurt – auch wenn es ihm das letzte Mal vor Jahren passiert sei, wie er versichert.
Bei einem Kaffee plaudern wir dann noch mit seinem Chef. Gerhard Engleder ist seit drei Jahren im Tankstellengeschäft und betreibt die BP-Autobahnstationen bei Weer und Angath, die zu den meistfrequentierten Tankstellen Tirols zählen, wie er versichert. Ginge es nach ihm, würde das Bedienungskonzept eine Renaissance erleben. „Vor allem Ältere und Damen schätzen dieses Service“, ist er überzeugt und hätte auch eine Idee, wie Tankwarte wieder in Mode kommen könnten. „Es bräuchte eine Lehrlingsausbildung, die es in Österreich leider nicht gibt.“ Interesse, auszubilden, hätten laut Engleder zig Tankstellenpächter in Tirol. „Das ist ein toller Job“, glaubt der 48-Jährige. Kurt zumindest scheint er zu gefallen.















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