18.07.2010

Interview

Ein Bauarbeiter, der an drei Glücksstellen schuftet

Der Liedermacher Rainhard Fendrich erklärt, warum er sich früher wie ein Hamster im Rad fühlte und was ihm heute wirklich wichtig ist.
„Beim Singen bin ich wahr, die Texte sind von mir. Moderationen hingegen will ich keine mehr machen. Ich will nicht länger Erfüllungsgehilfe anderer Ideen sein. Leider bin ich ein Auswendiglerner und kein Gottschalk, der spontan losredet. Das bewundere ich.“ Fotos: Böhm
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Rainhard Fendrich: Neues Album, Konzerte

Meine Zeit. Das ist der Titel des neuen Albums, das Ende September erscheinen wird. Es soll Fendrichs momentane Lebenssituation, was er will und wohin er möchte, widerspiegeln. Sein voriges Album „Hier und Jetzt“ erschien 2006.

Konzert. Am 31. Juli gibt der Liedermacher samt Band ein Konzert in Ischgl (Rossboden Areal, 20.30 Uhr). Im Gepäck: Viele seiner größten Hits. Ab Herbst wird er die Songs der neuen CD live in allen Bundesländern vorstellen.

Karriere. Beenden will Fendrich seine Tätigkeiten als Moderator, dafür will er sich wieder mehr auf Konzerte konzentrieren und öfters live spielen. Als Schauspieler in Theater und Fernsehen will er aktiv bleiben.

Sie wandern in Tirols Bergen und nächtigen in einem Biohotel nahe an der Waldgrenze hoch über Pill. Das klingt nach einem bewussten Leben. Ist das der neue Rainhard Fendrich?

Fendrich: (lacht) Nein, ganz so bio bin ich nicht. Wir sind auf einer Art Betriebsausflug mit der Band. Das Hotel hat unser Tiroler Veranstalter organisiert. Mir gefällt es hier gut. Und gesund essen schadet ja auch nicht.

Würden Sie das auch zu Hause tun?

Fendrich: Sagen wir es so: Ich esse jeden Tag einen Apfel, wenig Fleisch, wenn, dann Lamm und versuche abends nichts zu essen. Ich bin draufgekommen, dass das eine ganz andere Energie ist.

Sie sind seit 30 Jahren Liedermacher. Mit vielen Höhen und Tiefen. Im Herbst erscheint ein neues Album, von dem es im Vorfeld heißt, dass Sie sich auf das Wesentliche reduzieren. Wie darf man das verstehen?

Fendrich: Im Laufe meiner Karriere habe ich viele Musiktrends erlebt und überlebt. Jetzt bin ich wieder da, wo meine Wurzeln sind. Es geht wieder verstärkt um die Texte und Geschichten zur Gitarre. Ich spiele mehr Konzerte im kleinen Rahmen.

Also Fendrich wie vor 25, 30 Jahren?

Fendrich: Ja. Das macht mir am meisten Spaß.

Und die Zeit dazwischen hat Ihnen keinen Spaß gemacht? Da gab es doch viele Erfolge.

Fendrich: Ich glaube, dass der Mensch prinzipiell immer denkt, dass er sich spürt – egal, ob er gerade oben oder unten im Leben ist. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich falsch liege. Im Nachhinein sieht man vieles anders. Heute weiß ich, dass es sehr wohl eine Zeit gab, in der ich mich selber nicht gespürt habe und so sehr in einem Rad dringesteckt bin, dass ich mein Leben nicht mehr so leben konnte, dass es genussvoll war. Ich habe früher oft darunter gelitten, nichts mehr genießen zu können. Da gibt‘s dann auf Tourneen Depressionen und, und, und. Wenn die Karriere nach oben geht, will man halt immer mehr haben. Das ist wie eine Sucht. Eine Krankheit, die viele erfolgreiche Menschen plagt: Sie sind Getriebene, können nicht mehr runterschalten und genießen.

Können Sie das heute?

Fendrich: Ja, schon. Vieles, das früher große Bedeutung für mich hatte, ist mittlerweile unwichtig. Für mich zählen neue Dinge.

Was denn?

Fendrich: Es gibt drei Baustellen, die das eigentliche Lebensglück bedeuten: Gesundheit, ein intakter Freundeskreis und eine Aufgabe, die den Kopf fordert. Wenn man das halbwegs unter einen Hut bringen kann, bedeutet das Lebensqualität. All das pflege ich heute bewusst. Ich finde, das ist etwas, das man im Laufe des Lebens erkennen muss und sollte.

Das klingt sehr moralisch und aufgesetzt.

Fendrich: Mag sein, aber darum dreht sich das Leben. Alles andere ist netter Firlefanz.

Haben Sie diese Lehre aus privaten Krisen gezogen, wollen Sie deshalb nicht mehr über Ihr Privatleben reden?

Fendrich: Das ist ein Entschluss, den ich vor einigen Jahren gefasst habe. Der Schutz meines Privatlebens ist zum Lebensprinzip geworden.

Weil Ihnen die Medien nach dem Skandal rund um Ihre Kokainsucht und spätere Scheidung auf den Leib gerückt sind. Haben Sie da nicht auch Fehler gemacht?

Fendrich: Sicherlich. Ich schätze auch jeden Journalisten, der seine Arbeit machen muss, aber ich muss wegen meiner Fehler nicht auf jede Frage antworten. Das ist reiner Selbstschutz.

Muss man als öffentliche Person nicht auch einfach damit leben, dass andere Privates von einen wissen wollen?

Fendrich: Um die Bedürfnisse anderer kann ich mich da nicht kümmern. Ich glaube, dass ich als Künstler mit meinen Liedern genug von mir als Person hergebe. Wenn das nicht langt, tut es mir leid.

Es gibt Künstler, von denen man wenig weiß.

Fendrich: Ja, nehmen Sie Stefan Raab her. Keiner weiß, wieviel Kinder er hat oder wie seine Frau aussieht. Oder Harald Schmidt. Von dem weiß man auch nicht viel. Solche Leute sind Vorbilder. Ich hätte das von Anfang an so machen sollen.

Das heißt, Sie verraten auch nicht, was Sie sonst noch so für Ihre Psychohygiene tun?

Fendrich: Wie gesagt, meine Wertigkeiten haben sich verschoben. Außerdem brauche ich Plätze, wo man mich nicht kennt. Die finde ich teilweise in Österreich, aber auch in meinem Haus in Spanien. Ich bin aber auch gerne in Berlin bei meiner Lebenspartnerin. Da werde ich auf der Straße auch nicht angeschaut.

Wenn Sie sich gerne abschotten, warum sind Sie dann auf Facebook zu finden?

Fendrich: Ach, das bin gar nicht ich persönlich. Das ist die offizielle Fendrich-Seite, die wir gemacht haben, weil sich vorher einige als Fendrich ausgegeben haben. Mir ist das Internet unheimlich.

Inwiefern?

Fendrich: Ich nutze Google wie ein Lexikon, maile gerne und verschicke Musik, aber damit hat es sich. Neulich wollte ich über easyjet einen Flug buchen, und da hat‘s mir dreimal den Betrag abgebucht. Ich brauch‘ auch kein I-Phone und solche Sachen.

Also doch ein altmodischer Liedermacher.

Fendrich: Ja, eh, einer, den ganz andere Zu­kunftsthemen interessieren.

Sie waren bei den Demos in der Hainburger Au und haben sich gegen Atomkraft engagiert. Interessieren Sie Umweltthemen noch?

Fendrich: Ja, sehr. Verglichen mit heute waren damals die Umweltprobleme nebulös. Schräg ist aber, dass sich heute die Masse nicht laut aufregt. Diese allgemeine Entpolitisierung stört mich. Die Menschheit wird immer kälter und brutaler, richtet alles zugrunde.

Sie wollen eine bessere Welt, einverstanden. Aber liegt es nicht auch an Ihrer Generation, dass es so ist?

Fendrich: Klar, wir waren zwar demonstrieren, haben aber viele Fehler gemacht. Auch unseren Kindern gegenüber. Wir haben es versäumt, Haltung weiterzugeben, immer nur Wohlstand expandiert. Ich habe auch keine Lösung parat, aber kann Probleme in Liedern aufzeigen, dagegen ansingen und hoffen, dass einem Kopf, der klüger ist als ich, Lösungen einfallen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 18.07.2010
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