Imst
Rock-Tiger ohne Zähne zeigte enormen Biss
Imst – Man schrieb das Jahr 1969, als der Meister der fetzend jaulenden Hammond-Orgel der Vision anheimfiel, dass sich Rock und Klassik ergänzen und zu einer an Dramaturgie kaum zu übertreffenden Einheit verschmelzen könnten. Das Ergebnis dieser Vorahnungen war das „Concerto for Group and Orchester“ in der Royal Albert Hall uraufgeführt, eingespielt, bestaunt und für 30 Jahre in der Versenkung verschwunden. Das Gefühl, dass da dem Rock-Tiger die Zähne und Krallen gezogen wurden, der Tiger zum Schmusekätzchen mutierte, war ein allgegenwärtiges und der Verdacht, dass Jon Lord unter seiner Lederjacke einen Konzertfrack trug, war bestätigt. Für echte Rockfans ein geradezu blasphemischer Akt.
Was aber hat sich geändert, dass nun, 40 Jahre später, Deep-Purple-Jünger die Konzertsäle stürmen, um den Klängen ihres Lords zu lauschen? Zum einen ist es wohl die Tatsache, dass das Werk komplett überarbeitet und kompositorische Schwächen ausgebügelt wurden und dass aus dem Nebeneinander von Rock- und klassischen Instrumenten ein homogenes Ganzes wurde. Das Ergebnis, in Imst vom Philharmonic Orchestra of Györ unter Márton Rácz, der Cry Free Rock Band, den Sängern Kasia Laska und Steve Balsamo und Meister Lord aufgeführt, begeisterte hörbar restlos. Aus kompositorischer Sicht freilich ist es der dritte Satz des Werkes, der das Potenzial zum Klangereignis hat. Fallen Satz eins und zwei in die Kategorie spätromantische Gefühlsduselei, so geht im dritten Satz, rhythmisch ausgeklügelt, impulsiv und vorantreibend, die Post ab.
Abrocken mit Orchesterklang war angesagt und das Philharmonic Orchestra of Györ und die Cry Free Rock Band zeigten Qualitäten, mit denen sie den Ansprüchen eines Jon Lord als Schöpfer sehnsuchtsvoller Klänge sowie denen Lords als begeisterten Fan von J. S. Bach und G. PH. Telemann in beeindruckender Weise gerecht werden konnten. Bourrée aus Sarabande, Soldier of Fortune, Pictured Within, Pictures of Home boten nicht nur den Instrumentalisten Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Das Orchester glänzte als homogener Klangkörper mit enormer Spiellust. Sängerin Kasia Laska und Sänger Steve Balsamo zeigten sich stimmlich präsent. Laska mit lichtem, klarem Sopran, Balsamo mit Balsam für die Seele.
Die Kraft eines Ian Gillan in den Höhen von „Child in Time“ als Zugabe hatten beide zwar nicht, aber genug Präsenz, das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinzureißen. (hau)




