(Post-)koloniale Gewalt. Eine Selbsterfahrung

Wien – Festwochenbesuch aus Kapstadt, der es in sich hat. Brett Bailey, Regisseur, Performer und weißer Südafrikaner leistet, was weder kritische Dokumentationen noch fundierte Zeitungsbeiträge zustande bringen: In seiner theatralen Ausstellungsanordnung „Exhibit A: Deutsch Südwestafrika“, die am Dienstag in Wiener Museum für Völkerkunde Premiere hatte, führt er dem mitteleuropäischen Publikum mit eindrucksvollen Mitteln die Katastrophe Afrikas vor Augen – bis an die Schmerzgrenze.

Ausgehend von den Manifestationen kolonialer Herrschaft mittels Darbietungen von „Wilden“ im Europa und Amerika des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, thematisiert Bailey den Genozid an der namibischen Ursprungsbevölkerung der Herero und Nama: Männer, Frauen und Kinder, die der nach „Deutsch-Südwestafrika“ verlängerte Arm des deutschen Kaiserreiches mit brutaler Grausamkeit verfolgte, in Internierungslagern ausbeutete und elend zugrunde richtete.

Die Reise durch Baileys Schaukabinett führt schließlich ins Hier und Jetzt, heran an das Schicksal im heutigen, zunehmend xenophoben Europa gestrandeter afrikanischer Asylwerber. Der Künstler hat eine beeindruckende Form gefunden, das pro Vorstellung auf etwa 25 Personen beschränkte Publikum zu manipulieren und „den politisch korrekten Europäer ordentlich in Erregung zu versetzen“, wie er im Programmheft vermerkt. Findet man zu Beginn eine junge schwarze Frau halbnackt in einem Schaukasten vor, so führen Kinder die einzelnen Besucher in den „dunkel lodernden Kontinent“. In den vorhandenen Schaukästen stellen ein Team von afrikanischen Schauspielern und in Österreich lebenden Asylwerbern Afrikas Drama dar. Eurozentristischer Exotismus ist in den Vitrinen im wahrsten Sinn „lebendig“, wie das Grauen der Lager, die menschenverachtende, auf die Begründung weißer Überlegenheit ausgerichtete Wissenschaft oder die auswegslose Situation von Asylsuchenden.

Ein Raum widmet sich dem Schicksal von Marcus Omofuma: Vvon Keuchgeräuschen beschallt, stellt ein an einen Flugzeugsitz gefesselter, mit Klebeband vermummter Performer das schockierende Memento eines von brutaler Hilflosigkeit getragenen gesellschaftlichen Unvermögens dar. Brett Baileys Bilder beunruhigen – und machen wach! (lietz)

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