01.08.2010

Innsbruck

Herrn Waltls Seele macht Urlaub

Am 4. August beginnt das 20. Festival der Träume. Der Programm-Diktator Herbert Waltl sinniert darüber, wie der Spaß anfing und wo er sich aufhört.
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Zur Person

Geboren am 27. 10. 1958 in Lienz, lebt in Völs bei Innsbruck. Verheiratet, zwei erwachsene Kinder.

Karriere vom Schnapsverkäufer auf der Franz-Josefs-Höhe bis zum Marketingleiter der Hypobank, wo er vor rund 30 Jahren am Schalter begonnen hat.

Festival der Träume: Das 20. Festival steht unter dem Motto „Jubelachen – so herzbetrunken“ und beginnt am 4. August. Alle Informationen im Internet unter http://www.festival-der-traeume.at

Haben Sie heute schon einmal gelacht?

Herbert Waltl: Ich muss schon zugeben: So kurz vor Beginn des Festivals lässt sich eine gewisse Anspannung nicht leugnen. Wirklich intensiv habe ich heute noch nicht gelacht, obwohl mir das normalerweise nicht schwerfällt.

Und während des Festivals haben Sie vermutlich auch nicht allzu viel zu lachen.

Waltl: Die Gefühlswelt gerät in Wallung, auch der Körper wird ordentlich hergenommen. Und – auch wenn es nicht ganz einfach ist, sich das einzugestehen – je mehr Jahresringe dazukommen, desto stärker spürt man das. In diesen drei Wochen verändert sich der Lebensrhythmus massiv, man wird zum Schichtarbeiter, der täglich vom mittleren Vormittag bis zwei in der Nacht intensiv werkt. Dafür kommt unmittelbar nach dem Festival ein tiefes Loch, eine regelrechte Depression, das komplette Chaos. Ich frage mich regelmäßig und völlig unabhängig von Erfolg oder Misserfolg, warum ich das mache, ob ich das noch will, ob ich es für mein Seelenheil brauche.

Brauchen Sie es für Ihr Seelenheil?

Waltl: Mittlerweile schon.

Warum?

Waltl: Ich habe mir lange eingebildet, dass es nicht so ist. Die Planung findet ja von Jahr zu Jahr statt und die ersten zehn Jahre war ich sowieso so aufgestellt, dass ich jedes Jahr etwas komplett Neues erfinden wollte. Das hat sich in den vergangenen Jahren verflüchtigt. Mein normaler Brotberuf im Hypo-Marketing ist in der Humorfrak­tion sehr überschaubar, mit dem Festival der Träume tauche ich in eine ganz andere Welt mit ganz anderen Menschen ein. Das erachte ich als Geschenk, ohne das ich nicht mehr sein könnte. Das ist wie Urlaub für meine Seele.

Weil es einen kreativen Anteil in Ihnen freilegt, der sonst möglicherweise zu kurz kommt?

Waltl: Weil die Menschen, die ich beim Festival kennen lerne, ganz anders sind, als die, mit denen ich sonst zu tun habe. Und weil die Künstler in sich ja noch einmal verschiedene Persönlichkeiten haben: Da ist die Bühnenfacette und die private, unter Umständen lernt man in einer Künstlerpersönlichkeit zwei verschiedene Menschen kennen. Wenn ich nur an Konrad Thurano denke, der 2007 mit 98 Jahren bei uns seine letzten beiden Vorstellungen gespielt hat, bevor er dann zwei Monate später gestorben ist.

Thurano ist ja als „ältester Artist der Welt“ in die Zirkusgeschichte eingegangen.

Waltl: Ja. Ich hatte massive Bedenken, ob es richtig ist, diesen alten Mann vorzuführen. Er hat fast nichts mehr gesehen und wenig gehört und er ging gebückt. Und die Probe – er ist ja zusammen mit seinem Sohn aufgetreten, der auch schon über 60 war – war ein einziges Chaos. Aber in dem Moment, in dem der Vorhang aufging und die Musik anfing, war Thurano ein anderer Mensch. Gerade, mit offener Körperhaltung, lächelnd die Standing Ovations entgegennehmend . . . Das war eine brutale, extrem beeindruckende Diskrepanz. Hinter der Bühne gab es Sauerstoff, ich hatte einen Notarzt da, weil ich nicht wollte, dass ihm bei uns etwas passiert. Wobei ich mir im Nachhinein denke: Vielleicht hätte es für ihn nichts Schöneres gegeben, als auf der Bühne zu sterben. Solche Erlebnisse möchte ich nicht missen. Es ist nicht selbstverständlich, dass einem so etwas passiert.

Wie ist Ihnen das mit dem „Festival der Träume“ überhaupt passiert?

Waltl: So, dass mein Arbeitgeber, die Hypobank, Peter Meraner, Jürgen Wachter und mich damit beauftragt hat, einen Jugendclub zu gründen. Die Überlegung war, wie man etwas so populär und innovativ wie möglich machen kann und ganz Tirol etwas davon hat. Die ersten beiden Jahre schickten wir einen Kleinkunstzug durch Tirol, das dritte Festival fand dann erstmals als „Festival der Träume“ auf dem Platz vor dem Landestheater statt.

Mit der Hypobank im Hintergrund ist leicht Kultur machen.

Waltl: Und die anderen Kulturveranstalter fanden nicht ganz zu Unrecht, dass eine Bank eigentlich andere Aufgaben hat. Es stimmt natürlich, dass die Bank eine gewisse Planungssicherheit bietet. Aber die Sache hat einen Haken: Wenn ein neuer Vorstand kommt, wird alles eher automatisch infrage gestellt, was als Projekt des Vorgängers empfunden wird. Heute sind wir ein Verein, der von den Hauptsponsoren Hypo Tirol Bank und Tiroler Versicherung mit gleich großen Beträgen gesponsert, aber zu zwei Dritteln durch Karteneinnahmen, also das Publikum, getragen wird.

Eine Zäsur in der Festivalgeschichte bildete das Jahr 2001.

Waltl: „Zirkus“ im September beim Eisstadion. Wir hatten 14 Tage grausiges Wetter, es war 9/11 und wir sind am Ende mit einer Dreiviertelmillion Schilling Schulden dagestanden. Dieses Jahr markierte die Trendwende. Danach haben wir allerlei Beiwerk – von großen Konzerten bis hin zu Mittelaltermärkten etc. – weggelassen und uns sozusagen auf unser Kerngeschäft besonnen. Da lernt man zu scheitern, das war schon grenzwertig oder eigentlich über der Grenze. Meine Frau kann das alles bis heute nicht hören, aber ich sage mittlerweile: Auch so etwas darf nicht jeder erleben.

Wie organisieren Sie heute das Festival?

Waltl: In der heißen Zeit mit einem gut eingespielten Team Freiwilliger. Der Aufwand ist beträchtlich, da gibt es nichts herunterzuspielen. Aber unterm Jahr ist nicht so viel zu tun, das geht nebenbei in meiner Freizeit. Meine Frau sagt immer, in den ersten Jahren habe sie schauen müssen, dass die Kinder lesen und schreiben lernen, weil ich nicht vorhanden gewesen sei. Das akzeptiere ich, aber meine Kinder sind mit dem Festival aufgewachsen.

Wer bestimmt das Programm?

Waltl: Organisiert ist das Ganze sehr hierarchisch, um nicht zu sagen diktatorisch. Der Herr Waltl bestimmt das Programm und muss es damit auch allein verantworten. Ich suche mir aus, wen ich gern in Innsbruck sehen würde, und wenn das jemandem anderen auch noch gefällt, ist das ein ziemlich lässiger Nebeneffekt.

Wie hat sich Ihr Kunstgeschmack im Laufe von 20 Festivaljahren verändert?

Waltl: Ich weiß heute, dass mir stille Geschichtenerzähler liegen – mit Worten oder ohne Worte. Das Leise, Feinfühlige, Langsame gefällt mir. Und ich traue mich heute zu sagen, dass ich Clowns mag.

Was fasziniert Sie an Clowns?

Waltl: Dass sie Dinge ansprechen, die man sonst nicht ansprechen darf. Und dass sie uns das Scheitern lehren. Clowns berühren uns, sie bringen uns zum Lachen und zum Weinen und zeigen uns, wie nahe Lachen und Weinen beieinanderliegen.

Mochten Sie Clowns schon als Kind? Es gibt ja nicht wenige Kinder, die sich vor Clowns fürchten.

Waltl: Ich kann mich jetzt nicht an ein bestimmtes Clownerlebnis erinnern, aber ich vermute, mich hat damals schon fasziniert, dass Clowns Dinge tun dürfen, die zu tun einem schon als Kind verboten ist.

Haben Sie selbst ein Talent zur Komik?

Waltl: Nicht erkennbar! Ich kann auch über Witze nur lachen und sie nicht selbst erzählen, weil ich sie mir nicht merke. Was komisch sein soll, muss ich zu Papier bringen. Wenn, dann gibt es also wohl im Schreiberischen eine gewisse Neigung in mir, die ich vielleicht zu wenig auslebe. Was ich wirklich kann, ist Menschen und Dinge zu vernetzen. Vielleicht ist das auch ein Geheimnis des Festivals, dass alle Fäden letztlich bei einem Menschen zusammenlaufen.

Wo hört sich für Sie der Spaß auf?

Waltl: Schwere Frage – um die zu beantworten, müsste man zunächst definieren, was „Spaß“ eigentlich ist.

Definieren Sie, was es für Sie ist!

Waltl: Jedenfalls ein Zustand, der nicht den ganzen Tag anhält! Ich behaupte von mir, dass ich eine dicke Haut habe und viel vertrage, mir ist sogar lieber, jemand macht eine klare, im Zweifelsfall auch negative Ansage. Der Spaß hört sich bei mir da auf, wo persönliche Beleidigungen und intime Verletzungen der persönlichen Würde passieren. Das ist ein spannendes Thema, das man immer wieder aufs Neue ausloten muss. Und einige der Künstler, die ich präsentiere, sind sicher Grenzgänger in diesem Bereich.

Lachen Sie manchmal, um nicht in Tränen auszubrechen?

Waltl: Im Wirrwarr des Alltags und in den Lächerlichkeiten, mit denen man teilweise konfrontiert wird, hilft als Ventil nur Humor – nicht immer, aber oft. Aller- dings muss man auch sagen: Bisweilen wird einem das Lachen als Zeichen von Schwäche ausgelegt – oder entsteht tatsächlich aus einer Verlegenheit oder Unsicherheit heraus.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 01.08.2010
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