03.09.2010

Österreich

Zu bequem, zu satt, zu alt: Österreich droht Abstieg

Ökonom warnt vor Niedergang wegen Bequemlichkeit. Finanzminister Pröll tadelt Griechenland-Hilfsverweigerer.

Von Nina Werlberger

Alpbach – Zu bequem, zu zufrieden, zu satt und zu alt: Das sind die Österreicher und die Bürger etlicher Staaten Europas in den Augen des deutschen Ökonomen Norbert Walter. Seine Prognose für den Wirtschaftsraum ist düster. „Es geht darum, neue Zentren der Dynamik zu erarbeiten. Wenn man in Alpbach aus dem Fenster sieht, versteht man, warum die Menschen das nicht tun“, sagte der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Alpbach. Die Neigung, sich in der Schönheit der Landschaft wohlzufühlen und sich mit den Gegebenheiten zufriedenzugeben, sei „unendlich groß“. Neben schlichter Bequemlichkeit gebe es aber auch ein Bildungsproblem, das einhergehe mit der alternden Gesellschaft. In Ländern wie Österreich, Deutschland, der Schweiz und auch in Italien, Spanien oder Polen werde der Bestand an qualifizierten Arbeitskräften innerhalb von nur einer Generation um ein Drittel sinken, erklärte Walter. „Nach zwei Generationen ist die Mannschaft, die anpacken kann, um die Hälfte geschrumpft.“ Die Halbwertszeit des Wissens steige extrem und zudem hätten Schwellenländer wie China oder Indien jenen Durst nach Wissen, sowie eine Risikobereitschaft, die vielen Europäern abgehe.

Die Wirtschaftskrise habe gezeigt, dass die Institutionen versagt hätten, nicht der Kapitalismus generell. Es brauche mehr Ethik, mehr familiäre Werte und Moral, allerdings gehe es auch um neue Regeln, Sanktionen und Gesetze sowie letztlich darum, Planken für die Marktwirtschaft zu schaffen, glaubt der Ökonom. Er fordert eine neue Kultur der Aufsicht, Finanzkontrolleure etwa sollten keine Boni bekommen. Zugleich sei es wichtig, „Innovationen nicht zu strangulieren“, meinte Walter. „Wir brauchen weiterhin risikobehaftete Finanzgeschäfte. Es geht um Haftungen, aber auch um Chancen.“

Zentrales Thema war zum Abschluss der Alpbacher Wirtschaftsgespräche die Schuldenkrise Europas. Walter hob die bisherigen Bemühungen Griechenlands als außergewöhnlich hervor. Scharfe Kritik äußerte Vizekanzler Josef Pröll an den Regierungen in Bratislava und Prag wegen deren ablehnender Haltung zum Eurorettungspaket und zur Griechenland-Hilfe. „In Nachbarländern Österreichs verschließen sich neue Regierungen einer gemeinsamen europäischen Vorgangsweise“, sagte der Finanzminister. „Das ist ein ganz gefährliche Entwicklung.“ Pröll kündigte am Rande des Forums an, Österreich werde sein Haushaltsdefizit 2011 auf 4 % senken.

Das Thema Staatsschulden bewegte am Donnerstag auch über die Grenzen des Tiroler Denkerdorfes hinaus die Gemüter. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz warnte vor einer Entwicklung „japanischen Stils“ in Europa und den USA. Er rechnet mit konstant niedrigem Wachstum und hohen Arbeitslosenzahlen, helfen würden bessere Konjunkturprogramme. Der Internationale Währungsfonds befürchtete, dass sich viele reiche Länder einer Verschuldung nähern, die Panik an den Märkten auslösen könnte.

Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag unterdessen die Wirtschaftsprognose für Euroland angehoben, auch die Oesterreichische Nationalbank hat am Abend ihre Vorausschau für Österreich nach oben revidiert und sieht ein BIP-Plus von 1,8 bis 2 Prozent.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 03.09.2010
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