05.09.2010

Tiere

Der fliegende Regenbogen

Bienenfresser waren vor einigen Jahrzehnten nur noch selten in Österreich zu beobachten – ihnen fehlten geeignete Brutplätze. Die Kolonien haben sich speziell im Osten des Landes aber wieder erholt.
Weil Wildbienen, die Lieblingsspeise der Bienenfresser, so gut wie ausgerottet sind, begnügen sich die Vögel auch mit Insekten.Foto: Shutterstock

Von Helmut Pechlaner

Wenn in unseren Breiten ein Vogel­ wegen seiner bunten Farbenpracht für einen entflogenen Exoten gehalten wird, dann ist es der Bienenfresser. Selbst bei der großen Flugvoliere im Tiergarten denkt kaum jemand bei seinem Anblick an die heimische Vogelwelt. Ein kluger Weinhauer verbreitet die Kunde dieses faszinierenden Vogels, er beklebt die Flaschen eines exquisiten Rotweines (Bienenfresser Wein) mit einem tollen Farbbild und Information. Vor drei Jahrzehnten stand noch zu befürchten, dass der Europäische Bienenfresser – er besiedelt das südliche Europa von Südfrankreich, Österreich bis zur Ukraine – in unserem Land gänzlich verschwindet. Das Hauptproblem waren die Brutplätze. Wie auch der Eisvogel benötigt der Bienenfresser­ sandig-lehmige Geländeabbrüche, um dort seine Brutröhre und Nesthöhle hineinzugraben. Beides fand man früher bei den Uferabbrüchen schlängelnder Niederungsflüsse, aber auch bei Hügeln, welche als Sandgruben vorübergehend vom Menschen angeknabbert wurden.

Mit staatlich geförderter Kurzsichtigkeit wurden in unserem Land fast sämtliche Flussläufe begradigt, eingeengt und verbaut und haben dadurch nicht nur den Fischen natürliche Laichplätze und einer reichen Tierwelt den Lebensraum, sondern vor allem den Gewässern den Platz zum „Atmen“, zum unschädlichen Ausufern, genommen. Viele unserer Hochwasser sind deshalb hausgemacht. Trotz allem haben sich im Burgenland und Niederösterreich die Bienenfresser-Kolonien erholen können. Sandgruben wurden stillgelegt und unter Schutz gestellt, Naturschutz und Grundbesitzer haben neue Sandwände geschaffen.

Zurückgekehrt aus Afrika säubern Bienenfresser im Mai ihre alten Röhren und Nester oder graben neue in die Sandwand­ hinein. Ein Paar braucht etwa zwei Wochen dazu, eine zwei Meter lange Röhre in die Brutwand zu graben. Als Koloniebrüter treten sie stets in Schwärmen auf. Die Vielzahl, aber auch die Aufmerksamkeit Einzelner schützt sie vor Angriffen des Sperbers. Tarnung gibt es keine, denn diese Vögel spielen alle Farben. Die Stirn ist weiß, Oberkopf, Nacken und Vorderrücken sind kaffee­braun, die gelbe Kehle ist schwarz eingefasst, die Unterseite grünlichblau, die Kopfseiten sind schwarz, die Schulterfedern und der Bürzel gelb, die Flügel blau, grün und braun, der Schwanz ist grün und blau. Diese Farbenpracht ist faszinierend.

In der Nesthöhle werden vier bis acht Eier bebrütet. Nach knapp drei Wochen schlüpfen die Jungen. Der Name Bienenfresser verrät uns schon die Lieblingsspeise dieser Vögel. In der Entwicklungsgeschichte hat es sich wohl bewährt, bei einem Wildbienenschwarm, der in einem alten Baumriesen seine Brut- und Honigwaben eingerichtet hat, ohne langes Suchen im Vorbeiflug Nahrung für sich und die Brut zu finden. Die Wildbienen haben wir fast ausgerottet, Bienen unserer Imker werden gelegentlich erbeutet, aber auch alle anderen Fluginsekten verzehrt oder verfüttert.

Der Einzelvogel ist bei 28 cm Länge und 60 g Gewicht nicht zu übersehen. Ein Schwarm kann in der Insektenwelt schon regulierend eingreifen. Bienenfresser-Schwärme sind jetzt gerade noch zu sehen, vor allem jedoch ist ihr typischer Ruf zu hören, denn sie machen sich langsam auf den Weg nach Afrika. Die Weißstörche sind ihnen schon vorausgeflogen und in meinem Bauernhaus haben die jungen Rauchschwalben vor wenigen Tagen zum letzten Mal im Arkadengang ihre Verdauungsprodukte deponiert.

Wer auch in der kalten Jahreszeit bei uns noch Bienenfresser sehen will, der muss in den Tiergarten Schönbrunn gehen. Ein herrlicher Flugraum mit künstlicher Brutwand hat wiederum eine erfolgreiche Zucht ermöglicht. Fünf junge Bienenfresser sind ausgeflogen und nun von den Eltern nicht mehr zu unterscheiden. Ein Bienenstock auf dem Gitterdach der Voliere hat den Speisezettel der Vögel bereichert. Bei aller Freude mit dem Elefantenbub und dem Panda-Baby – die anderen Perlen der Nachwuchskette des Tiergartens dürfen nicht übersehen werden.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 05.09.2010
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