05.09.2010

Wohnen

Zusammen ist man weniger allein

Studenten haben es vorgemacht. Jetzt kommt dieTiroler Senioren-WG. Immer mehr ältere Menschen wollen nicht allein sein oder sofort ins Heim. In der Wohngemeinschaft können sie noch ein selbstbestimmtes Leben führen.
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Alternatives Wohnen im Alter

Wohngemeinschaften. Mehrere ältere Menschen leben in einem Haus zusammen. Jeder hat eigene Bereiche, aber Küche, Wohnzimmer und Bäder werden geteilt. Infos zu Tirols erster Senioren-WG gibt es unter der E-Mail-Adresse gemeinsam.statt.einsam@gmx.at oder der Telefonnummer 05264/20321.

Betreutes Wohnen. Jeder hat seine eigene Wohnung. Leistungen wie Essen oder Pflege werden angeboten.

Generationshäuser.

Eine bislang in Österreich noch kaum umgesetzte Wohnform. Jung und Alt leben in einem Haus und profitieren voneinander. Die Jungen helfen den Älteren etwa beim Einkauf, die Älteren können als Gegenleistung auf die Kinder aufpassen.

Von Matthias Christler

Aufstehen. Frühstücken. Therapie. Mittagessen. Nachmittagsprogramm. Abendessen. Waschen. Gute Nacht. Das Leben in manchen Seniorenheimen läuft tagtäglich nach demselben Muster ab. Die Wünsche des Einzelnen gehen im Routineprogramm für die Allgemeinheit unter, Raum für individuelle Bedürfnisse hängt vom jeweiligen Pfleger ab, der sich allerdings den funktionsorientierten Abläufen unterordnen muss.

„Selbstbestimmt leben“, das ist für den deutschen Sozialgerontologen Rolf Gennrich ein zentraler Punkt für ein glückliches Dasein im Alter. Solange es der eigene Körper zulässt. „Und der spielt länger mit, als die meisten denken“, ergänzt der Alterswissenschafter, der an seinem Institut alternative Formen des Wohnens im Alter entwickelt. Eine Idee, die in Deutschland längst etabliert ist, nennt sich schlicht Senioren-WG. Menschen mit ähnlichen Interessen und Vorstellungen finden sich zusammen und gründen eine Wohngemeinschaft. Keine Zwänge eines Altenheims. Dafür die Freiheit, in einer kleinen Gruppe zu entscheiden oder sich, wenn nötig, ganz zurückzuziehen. „Jeder Mensch, egal ob jung oder alt“, erklärt Gennrich, „hat seinen eigenen Lebensrhythmus. Das ändert sich nicht, nur weil man in ein Altenheim zieht und zu einer festgelegten Zeit essen muss.“

Die Altenheime sind voll, die Menschen werden älter und die Spanne zwischen der Pension und dem Zeitpunkt, an dem man reif fürs Heim ist, wird immer länger. Dazu kommt, dass ein Lebenspartner plötzlich stirbt, die Gefahr, allein zu altern, steigt. Zusammen ist man weniger allein, das gilt besonders für Senioren-WGs. In Ostösterreich gibt es bereits einzelne Angebote.

In Tirol herrscht noch Aufholbedarf. Das haben auch Luise Sanders (67) und ihr Ehemann Hans (82) erkannt und Tirols erste Senioren-WG gegründet. „Wir sind in der Pension mit wenig Geld um die Welt gereist und haben so andere Lebensweisen kennen gelernt.“ Meist waren diese offener und von mehr Zusammenhalt geprägt.

Das bestätigt auch der Gerontologe: „In anderen Kulturen, zum Beispiel in Südeuropa, nimmt jeder Anteil, es werden weniger Grenzen gezogen. Die Gemeinschaft zählt auch im Alter noch mehr.“ Im deutschsprachigen Raum liege es offenbar in der Natur des Menschen, sich zurückzuziehen. Gennrich gibt zu bedenken, dass Wohnuntersuchungen zeigen, ältere Menschen würden 90 Prozent ihrer Zeit in der eigenen Wohnung verbringen. Alleine oder im besten Fall mit dem Ehepartner.

Das Tiroler Ehepaar will diesem Trend entgegenwirken. Luise Sanders hofft, die „Leute zusammenzubringen. Es gibt viele einsame Menschen, die Zuwendung brauchen. Dabei wollen sie aber keine Belastung für ihre Kinder sein.“ Eine WG sei eine ideale Alternative zum einsamen Leben daheim und dem fremdbestimmten Leben im Heim.

Trotzdem dürfte es Hemmungen vor dieser neuen Art des Wohnens geben. Seit Mai haben sich einige für die Senioren-WG in dem geräumigen Haus in Mieming interessiert, den entscheidenden Schritt zum Einzug hat noch keiner gewagt.

Die Vorteile würden jedoch überwiegen, wie man anhand dieser WG erkennen kann. Große Zimmer mit genügend Rückzugsbereichen, gemeinsames Wohnzimmer, Küche und Garten, in denen man sich trifft – und natürlich die geteilte Arbeit. Einmal kocht der eine, dafür wäscht der andere und ein Dritter kümmert sich um den Garten. „Wir wollen nicht direkt für unsere WG werben, sondern allgemein diese Form des Wohnens etablieren, weil wir daran glauben.“ Luise Sanders würde sich außerdem bereit­erklären, eine Art Vermittlerrolle zu übernehmen und nach anderen Wohngemeinschaften Ausschau zu halten.

Die meisten haben jedoch dieses Bild der chaotischen Studenten-WG im Kopf, meint sie. Verdreckte Teller in der Spüle, wochenlang kein Kloputz und der Abfall wird erst entsorgt, wenn der Müllberg umzufallen droht. Meinungsverschiedenheiten gehören zwar dazu, auch in einer Senioren-WG. „Es geht schließlich nicht darum, dass sich einer bedienen lässt und die anderen arbeiten. Das Miteinander ist genauso wichtig wie die Freiheit des Einzelnen.“

Wohngemeinschaften für Senioren werden die Altenheime mit ihren ausgebildeten Pflegern sicherlich nicht ersetzen können, aber ein Teil des Systems werden. Davon ist Gennrich überzeugt. „Das zu organisieren sollte aber nicht die Aufgabe rein privater Initiativen sein. Die Gemeinden haben die Aufgabe, das zu unterstützen und zu fördern, auch finanziell.“ Pflege im Heim sei zwar zu begrüßen. „Man muss aber weg von diesen äußeren Zwängen und erkennen, unter welchen Bedingungen sich der Mensch wohl fühlt.“

Denn Spaß und Geselligkeit kann man unabhängig vom Alter haben.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 05.09.2010
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