05.09.2010

Interview

„Will ein großes Stück vom Leben abbeißen“

Der britische Komiker Russell Brand stand hierzulande bisher im Schatten seiner Freundin, der Sängerin Katy Perry. Mit der Rock‘n‘Roll-Komödie „Männertrip“ dürfte sich das ändern.
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Neu im Kino: „Männertrip“

Es ist der Traum eines jeden Fans: den Sänger seiner Lieblingsband zum glamourösen Comeback-Konzert zu begleiten. Respektive begleiten zu müssen. Denn Aldous Snow (Russell Brand) hat eigentlich gar keine Lust dazu. Für Plattenfirma-Mitarbeiter Aaron Green (Jonah Hill) wird der Trip zu einer Reise in die Rock‘n‘Roll-Vergangenheit mit Sex, Drogen und Männerfreundschaft. „Männertrip“ (so der plumpe deutsche Titel von „Get Him to he Greek“) pendelt in bester Judd-Apatow-Tradition zwischen Blödel-Komödie und (Musikindustrie-)Satire und macht vor allem dank der beiden Hauptdarsteller Spaß. Sehenswert: Sean „Diddy“ Combs als durchgeknallter Plattenlabel-Boss. Für alle, denen Filme im Stile des Vorjahresüberraschungshits „Hangover“ gefallen.

Berlin – Manchmal wünscht man sich als schreibender Journalist, beim Fernsehen zu arbeiten, am besten einem englischsprachigen. Ein Interview mit dem „Männertrip“-Hauptdarsteller Russell Brand lebt nämlich von dessen Wort­akrobatik und Mimik. Der 185 Zentimeter große Schlacks zappelt und blödelt herum, dass man sich nicht eine Sekunde lang wundert, warum der Mann in einer Komödie mitwirkt.

In „Männertrip“ spielt der 35-jährige Schauspieler, Moderator, Comedian einen abgehalfterten Rockstar, der für ein Comeback-Konzert nach Los Angeles gebracht werden soll. Für seinen Aufpasser von der Plattenfirma bedeutet dieser ungewöhnliche Roadtrip vor allem eins: Sex, Drugs & Rock‘n‘Roll.

Sex, Drogen, Alkohol …

Russell Brand: Ja! Wo soll ich anfangen?

… kann man von allen drei gleichermaßen abhängig werden?

Brand: Klar, wenn man nicht vorsichtig genug ist. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass ich von allem, das ich intensiver betreibe, süchtig werde. Zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens kann ich folgende Abhängigkeiten aufzählen: Schokolade, Fernsehen, Fantasy, Drogen, Alkohol, Mode und Ideen.

Welche Süchte sind die aktuellen?

Brand: Meditation und Yoga.

Schauspielern könnte man inzwischen auch dazuzählen. Planen Sie nach „Männertrip“ verstärkt eine Karriere im Filmgeschäft?

Brand: Nun. Ich beginne nächste Woche mit „Arthur“, außerdem habe ich gerade die Shakespeare-Verfilmung „Der Sturm“ mit Hellen Mirren gemacht. Weiters gibt es noch einen großen animierten Film namens „Ich – Einfach unverbesserlich“, der bald rauskommt. Später mache ich noch ein Projekt mit Paramount, auf das eines mit 20th Century Fox folgt. (Dramatische Pause.) Danach werde ich die Situation neu bewerten …

Wie viel von Ihrer eigenen Persönlichkeit steckt in den Rollen, die Sie spielen?

Brand: Im Moment spiele ich vor allem solche, bei denen ich meine natürlichen Begabungen einsetzen kann. Also Charaktere, die lebhaft und unbekümmert sind, aber mit einem Hauch an Dunkelheit. Das ist das, was mir angeboten wird. Im Moment sehne ich mich nicht – wie viele andere Schauspieler – nach einer „Herausforderung“, etwa ein holländisches Mädchen oder ein Dreieck zu spielen.

Was ist das Faszinierende an Rockstars?

Brand: Sie waren exemplarisch für die Anfänge der Gegenkulturbewegung. Sie versprachen immerhin eine kulturelle Revolution. Oh! Sie zerstören ihr Hotelzimmer! Ziehen sich ihre Oberteile aus! Haben Sex! Das erinnert mich an die Dichtung von Jack Kerouac oder Alan Ginsberg. Alle dachten, das würde die Welt verändern. Letztendlich war aber nur eines der Fall: Leute gaben ihr Geld für Musik aus.

Sind Rockstars wie Ihr Filmpart Aldous Snow eine aussterbende Gattung?

Brand: Ich glaube schon, einfach weil heutzutage viel zu viel Geld im Spiel ist. Niemand geht noch Risiken ein. Die 1960er sind lange vorbei. Wäre etwa Keith Moon (Anm.: legendärer Drummer von The Who) hier, dann hätte er längst auf diesen Tisch gekotzt oder versucht, mit Ihnen Sex zu haben.

Johnny Depp nahm sich für „Fluch der Karibik“ Keith Richards als Beispiel. Hatten Sie auch solche Vorbilder?

Brand: Zunächst einmal basiert die Rolle des Aldous Snow in vielerlei Hinsicht auf mir selbst. Allerdings ist er eher langsam und entspannt, während ich schnell und hektisch bin. Deshalb nahm ich mir meinen Freund Noel Gallagher von Oasis als Vorbild. Der bleibt immer völlig cool. Er sagte einmal zu mir: „Solange ich eine Gitarre habe, weiß ich, dass ich mir überall auf der Welt zehn Pfund, Euro, Dollar oder sonstwas verdienen kann.“

Gibt es etwas, was Sie ähnlich beruhigt?

Brand: Stand-up-Comedy. Das Blöde ist aber, dass ich nur Englisch spreche, wodurch sich gewisse Limitierungen ergeben.

Sind Ihre Erfahrungen in Hollywood nicht ein gutes Futter für Ihre Auftritte als Comedian?

Brand: Natürlich sind sie das, die Arbeit dort gibt mir enorm viel an Inspiration. Aber ich versuche, auch etwas andere Dinge auszuprobieren. So habe ich für fünf Tage ein Gefängnis in Louisiana besucht und dort mit Mördern und Psychopathen gelebt. Ich habe zwei Tage lang mit dem US Marine Corps trainiert. Die waren völlig anders, das muss ich betonen! Ach, liebenswerte Männer waren das. Für einen Film über Glück, Erfüllung und Ablenkung, den ich vorbereite, bin ich mit Obdachlosen in Venice Beach herumgehangen. Hollywood arbeitet immer nach denselben Formeln. Deshalb suche ich stets den Zugang zu anderen Erfahrungen.

Bei all Ihren Projekten: Was sind Dinge, für die Sie gerne mehr Zeit hätten?

Brand: Schlafen. Meditieren. Lesen. Essen. Yoga. Mit der Katze spielen. Zeit mit Kindern verbringen. Reisen, aber dabei nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern tief in die Kulturen eintauchen. Ich will nicht nur Häppchen des Lebens bekommen, sondern ein großes Stück davon abbeißen.

Das Gespräch führte Witold Pryjda

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 05.09.2010
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