Literatur
Was war und was wahr ist
Von Peter Angerer
Innsbruck – Noch immer gelingt es Menschen wie dem deutschen Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin, sich mit bizarren Wortmeldungen etwa zum „Juden-Gen“ in das Scheinwerferlicht des öffentlichen Interesses zu schwindeln und die Entrüstung in persönlichen Mehrwert zu verwandeln. Komplizierter wird die Auseinandersetzung, wenn es sich bei den beteiligten Personen um Juden oder Philosemiten handelt, die von jedem Antisemitismusverdacht ausgenommen sind.
Noch einmal komplizierter wird es durch die Sprache, in der ein Argument formuliert wird. Damit ist Doron Rabinovicis „Andernorts“ der brisante Roman der Stunde, denn zwischen Familienchronik, Liebesgeschichte, Krimi und Satire stellt Rabinovici, der 1961 in Tel Aviv geboren wurde und seit 1964 in Wien lebt, die entscheidenden Fragen, die er auf verblüffende Weise (auch zur Genforschung) beantwortet.
Ethan Rosen hat gerade in Israel seinen väterlichen Freund Dov Zadek begraben und bei der Rückreise nach Wien liest er in einer Wiener Zeitung einen Nachruf auf den Shoah-Überlebenden. Darin zitiert der Judaist Rudi Klausinger einen Text, der die Bemühungen Zadeks denunziert, die Erinnerungen an den Holocaust wachzuhalten. Darauf muss der Kulturwissenschafter und polyglotte Weltbürger Rosen reagieren und löst damit eine international beachtete Debatte aus, die seine eigene Karriere zu zerstören beginnt. Dieses Zitat, auf das sich Klausinger beruft, stammt von Rosen selbst, der es allerdings auf Hebräisch geschrieben hat und in der deutschen Übersetzung nicht wiedererkennt. Und was auf Hebräisch wahr ist und für die innerisraelische Diskussion bestimmt ist, erhält eben „andernorts“ einen neuen Kontext und eine neue Bedeutung. Rosen unterlässt es, Klausinger „explizit“ als Antisemiten zu bezeichnen, aber genau diese Unterlassung wird als Vorwurf gelesen. Außerdem stellt sich heraus, dass Rosen und sein Kontrahent um einen Professorenposten und später um einen gemeinsamen Vater streiten.
Rosen ist der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden. Aus naheliegenden Gründen hat daher auch „Familie“ in Israel eine andere Bedeutung, die dem Intellektuellen bei jeder Reisebewegung zwischen Diaspora und Heimat neu bewusst wird. „Kaum trete ich aus dem Flughafen, sehe ich die ganze Mischpoche, die versammelte Sippschaft, diesen Mischmasch aus Gott und Ghetto, aus Kitsch und Kischkes, sehe dazu diesen Apparat, für den die permanente Ausnahmesituation die einzige Normalität ist, die Sicherheitsleute, die Soldaten, fällt mir das Atmen schwer.“ Rabinovicis „Andernorts“ ist ein großer Wurf.
Doron Rabinovici. Andernorts. Roman. Suhrkamp Verlag, 285 Seiten, 20,50 Euro.






