02.03.2010, 12:25  Aktualisiert: 23.08.2010, 11:08 

Innovation

„Connected Worlds“ - Strauchelnde CeBIT in Hannover gestartet

Die weltgrößte Computermesse wurde Montagabend eröffnet. Mit dem Motto „Connected Worlds“ will man in Hannover auf aktuelle Trends aufspringen. Die CeBIT hat aber zu kämpfen.
Die weltgrößte Computermesse hat mit sinkenden Ausstellerzahlen zu kämpfen. Apple, Nokia, Twitter, Facebook und Co. sind diesmal nicht auf der CeBit in Hannover vertreten. Foto: AP
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Hannover – Mit einem Rundgang der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Dienstag die weltgrößte Computermesse CeBIT in Hannover begonnen. Bis Samstag zeigen mehr als 4200 Aussteller aus 68 Ländern Neuigkeiten aus Computerindustrie und Telekommunikation. Im Mittelpunkt der 25. CeBIT steht das Zusammenwachsen der verschiedenen Anwendungsformen des Internets unter der Überschrift „Connected Worlds“. Die Messe will damit auf aktuelle Trends aufspringen. Weiterer Schwerpunkt ist das sogenannte Cloud Computing, womit Speichermedien wie DVDs oder USB-Sticks überflüssig gemacht werden sollen.

Merkel sagte auf der Eröffnungsfeier am Montagabend, die deutsche Bundesregierung wolle sich dafür einsetzen, dass die CeBIT die weltweit führende Messe der IT-Industrie bleibe. Die Zeiten, in der sich die IT-Branche auf der CeBIT gegenseitig auf die Schuhe gestiegen ist, sind nämlich vorbei. Die Messe wurde um einen Tag verkürzt, der weitere Einbruch bei den Besucherzahlen ist damit programmiert. 2011 aber will die Messe mit einem alten Erfolgsrezept reagieren und wieder mehr Privatleute und Endverbraucher anziehen. Diese Gruppe war einst mit einer happigen Erhöhung der Eintrittspreise vergrault worden, damit die Computermanager ungestört ihre Geschäfte machen konnten.

Leere Hallen, kein Aufbau-Chaos, kein wilder Lkw-Verkehr

Wie bitter es um die einst größte Messe der Welt steht, zeigte sich am Montag, dem letzten Tag vor der Eröffnung: Früher mussten Hilfspolizisten den wilden Lkw-Verkehr an den Hallen regeln, damit kein Aufbau-Chaos ausbricht. In diesem Jahr gehen die Lieferwagen an den Kreuzungen nicht einmal vom Gas - es kommt sowieso niemand aus den Querstraßen. Viele der gigantischen Hallen stehen leer. Selbst vor einem der größten CeBIT-Aussteller machte die Messe-Krise nicht Halt: Die Telekom hat auf milden Druck der Veranstalter ihren angestammten Platz in Halle 26 aufgegeben und zog auf die andere Seite des Messegeländes. So kann die Halle 26 ganz abgeschlossen bleiben, es werden Heizkosten gespart.

Die 1986 gegründete CeBIT ist mit 4157 Ausstellern und 184.000 Quadratmetern inzwischen auf das Niveau des Jahres 1990 zurückgefallen. In guten Jahren, etwa 2005, waren es 6200 Aussteller und rund 310.000 Quadratmeter. Die Besucherzahl brach auf zuletzt 400.000 ein, nach fast 800.000 in den besten Jahren.

Die CeBIT hat mehrere Probleme: Die deutsche IT-Branche ist auf dem Weltmarkt abgemeldet, bei der Software hält nur noch SAP auf Weltebene mit. Auch Trends wie das Web 2.0 kommen nicht aus Deutschland. Warum aber sollte dann die Weltmesse der Industrie hier stattfinden?

Außerdem haben spezialisierte Messen der CeBIT viel Geschäft weggenommen: Die Handy-Branche trifft sich zum Mobile World Congress in Barcelona, die Unterhaltungselektronik zur CES in Las Vegas, Trendsetter Apple hat eigene Veranstaltungen, die deutsche Messe für Unterhaltungselektronik ist die IFA in Berlin.

Apple, Nokia, Twitter, Facebook und Co. nicht in Hannover

Die CeBIT tröstet sich damit, dass einige Weltfirmen 2010 wieder nach Hannover gekommen sind: Google, Amazon, AMD, Ericsson, Motorola oder Telefónica. Nicht gekommen sind aber: Apple, Nokia, Toshiba, Navteq und viele mehr. Zudem haben Trendsetter wie Twitter, Facebook oder Youtube auch kein Interesse.

Für 2011 soll das Konzept nun völlig umgestellt werden, wie Messesprecher Hartwig von Sass erklärte. Unter dem Dach der CeBIT soll es vier Plattformen geben: eine Messe für Geschäftsleute und Profianwender, eine weitere Messe für IT im öffentlichen Dienst, eine Forschungsmesse und die „CeBIt Life“ für Endverbraucher.

Insbesondere die „CeBIT Life“ soll wieder mehr Besucher anziehen. Das bedeutet einen glatte Rolle rückwärts, denn im Jahr 1995 etwa kamen noch 218.000 Privatbesucher auf die Messe. Doch nach Beschwerden der Aussteller über die vielen Nicht-Profis, wurde die Unterhaltungselektronik in die Sondermesse CeBIT Home ausgelagert. Diese Sondermesse wurde 2000 wieder eingestellt. Jetzt soll sie - wie es scheint - unter neuem Namen aufleben. „Die Messe verändert ihr Gesicht wie der Markt.“ Die CeBIT sei mehr als eine Fachmesse. „Es ist der Platz, wo Themen und Trends gesetzt werden“, sagt Messe-Vorstand Ernst Raue.

Europa könnte technischen Anschluss verlieren

Der spanische Ministerpräsident und EU-Ratspräsident José Zapatero warnte auf der CeBIT-Eröffnungsveranstaltung davor, dass Europa den technischen Anschluss verlieren könne: „Europa muss vorankommen, und es muss sofort geschehen, wenn wir nicht hinter den Vereinigten Staaten und den aufstrebenden Staaten zurückbleiben wollen“, sagte er laut Übersetzung. Er habe daher der EU-Kommission einen Vorschlag für ein digitales Europa vorgelegt. Dazu gehöre eine Charta der Nutzerrechte, die Sicherheit der Netze und der Schutz der geistigen Eigentumsrechte.

Sicherheit für Computer und im Internet ist ein wichtiges Thema der diesjährigen CeBIT. Die Angriffe auf Computer und andere moderne Technologien werden nach Einschätzung des deutschen Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) immer professioneller. Dabei reagierten Hacker immer schneller auf Sicherheitslücken, sagte BSI-Präsident Michael Hange am Dienstag auf der Hightech-Messe. Zunehmend geraten dabei auch Handys und die inzwischen besonders erfolgreichen Smartphones ins Visier der Angreifer, wie aus dem aktuellen Lagebericht des BSI hervorgeht.

„Hacker schneller als Administratoren“

„Die Hacker sind schneller als die Administratoren“, sagte Hange. Die Angreifer machen sich demnach etwa zunutze, dass viele private Anwender wie auch Unternehmen Sicherheitsaktualisierungen erst mit einer Verzögerung installieren. In der Zwischenzeit nutzten die Hacker genau jene Sicherheitslücken aus, die mit dem neuen Update eigentlich behoben würden.

Computersicherheit werde weiterhin von zu vielen Nutzern als nicht wichtig genug erachtet, beklagte Hange. So verfügten noch immer rund ein Fünftel der Rechner in Deutschland nicht einmal über die Mindeststandards für Sicherheit wie ein aktuelles Anti-Viren-Programm, eine Firewall zum Schutz gegen Eindringlinge auf dem PC und eine auf dem aktuellen Stand gehaltene Software. „Es nützt nichts, Sicherheitstechnologien zu entwickeln, wenn die Sensibilität für die Probleme nicht da ist“, sagte Hange.

Mit ihrer rasant steigenden Verbreitung werden außerdem Smartphones und mobile Computer zum Angriffsziel für Hacker. „Cyberkriminelle nutzen neben Botnetzen, Spamversand und Phishing-E-Mails zunehmend Infiltration über Mobiltelefone und WLAN“, erklärte der Leiter des Nationalen IT-Lagezentrums im BSI, Stefan Ritter, in dem am Montag veröffentlichten Lagebericht zur IT-Sicherheit. (APA/dpa/apn/AFP)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Di, 02.03.2010  12:25
aktualisiert: Mo, 23.08.2010  11:08
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