Ein K(r)ampf in Tirols Restnatur
Jetzt flieg' ich gerade über Tirol und hol' mir ein paar Mücken als Stärkung.“ – Fledermäuse sind sozusagen die „Airforce“ unter den Tieren, sie jagen alles, was sich in der Luft bewegt. Würde eine Fledermaus mitzählen, dann käme sie pro Saison locker auf 1,3 Millionen gefressene Mücken. Angesichts der schmerzenden Stiche am menschlichen Körper, kann man doch froh sein, dass es sie gibt, oder?
Es ist zwar Nacht, aber trotzdem ist's hell – so viele Lichter, da unten im Tal und auch auf den Bergen. Bist du g'scheit, Tirol hat sich schon sehr verändert. Viel hat sich hier in den letzten 25 Jahren getan: Wenn man sich nur das Inntal anschaut, Rossau, Reichenau, Höttinger Au – alles Auen, wo die Großväter heutiger Fledermäuse noch nach Faltern und Mücken gejagt haben. Und jetzt gibt's nur noch einen Rest an Auen als Jagdgebiet – fünf Prozent sind übrig. Das ist nicht gerade üppig, oder?
Viel ist angeblich geplant, neue Kraftwerke, Freizeitpark, Gewerbezentrum usw. Das ist alles auch wichtig, keine Frage, aber die restliche Natur ist nicht nur für Fledermäuse besonders bedeutend. Wildtiere brauchen eben auch Platz, Fressen, Trinken. „Im Zweifelsfall für die Wirtschaft“, heißt es oft. Wie wär's, wenn wir diesem Slogan noch einen Satz hinzufügen – etwa: Und in jedem Fall für unsere Tiroler „Restnatur“!
Fledermäuse wandern mehrere Hundert Kilometer pro Jahr. Da sehen sie viel. Etwa ein Dorf in Deutschland, da bekommt die Bevölkerung den ganzen Strom von der Sonne und zwar so viel, dass sie noch einen hergeben können. Alternative Energiequellen, die ich mir für das sonnige Tirol gut vorstellen könnte. Alternativen, die hierzulande noch viel zu wenig genutzt werden. Davon würden auch die Fledermäuse profitieren. Diese sind zwar nur nachts unterwegs, hätten dann aber mehr von den schönen, unberührten Auen. Kurioser Weise haben die Menschen heuer das Jahr der Artenvielfalt ausgerufen. Grundsätzlich eine gute Idee – schließlich sind in den letzten 150 Jahren 500 (!) verschiedene Tier- und Pflanzenarten aus Tirol verschwunden.
Es waren da zwar viele kleine Viecherl und Pflanzerl dabei, die nicht auffallen, wenn sie nicht mehr da sind. Aber wer bestimmt denn, wie groß oder klein eine Art sein muss, damit man ihren Lebensraum zerstören darf und damit zum Aussterben beiträgt? Aber auch den Großen geht's nicht wirklich gut, schon gar nicht, wenn sie wieder zurück nach Tirol wollen – die Heimkehrer sozusagen sind nicht immer willkommen! Für Biber, Bär oder Luchs muss ich jetzt ehrlich sagen, wäre schon noch genug Platz in unserem schönen Land.
Auch wenn es keiner so richtig hören will: Naturschützer übertreiben in der Regel nicht, wenn sie vom letzten Paradies, von den letzten Überlebenden einer Art, von der letzten freien Fließstrecke oder sogar von einer „5 vor 12“-Situation reden. Die Fakten wie Artensterben und Lebensraumzerstörung bestätigen das bedauerlicherweise. An dieser Stelle möchte ich mich aber auch bei all jenen bedanken, die Wildtieren, allen voran den Fledermäusen, Platz in Häusern, Kirchen, Ställen, Schlössern lassen.
Publiziert am:
So, 25.07.2010




