Kolumne
Erst der Anstand, dann das Prinzip
Thilo Sarrazin hat ein provokantes Buch geschrieben, das mehr erreicht als Politik aller Couleurs in vielen Jahren: die flächendeckende Diskussion über Migration. Dieses Verdienst besteht unabhängig davon, ob von 450 Seiten mit vielen Thesen letztlich bloß die kruden Ansichten zu vererbter Intelligenz und Juden-Gen im kollektiven Gedächtnis bleiben.
Obwohl kaum einer, der Sarrazin kritisiert, „Deutschland schafft sich ab“ schon gelesen hat, verflüchtigt sich der grundsätzlich wichtige Disput aber bereits zur Frage, was einer schreiben darf. Voltaire antwortete darauf vor 350 Jahren einerseits: „Alles, was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, solltest du auch sagen.“ Andererseits: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“
Erst ihre Erwiderung zeigt den Kulturstand einer demokratischen Gesellschaft. Sie reagiert in Deutschland umfassend heftig. Bei uns werden kleine Sünden wie Wendelin Weingartners Spruch von den fleißigeren Westösterreichern eher beschmunzelt. Trotz grober Verstöße wie der Beschwörung vom Wiener Blut bleibt H. C. Strache Teil gemeinsamer Oppositionsaktionen im Parlament – mit den Grünen. Diese haben aber das verhetzende FP-Internet-Spiel „Moschee baba“ angezeigt, Rot und Schwarz dagegen schließen Kooperation mit Blau in der Steiermark nach wie vor nicht aus.
Die Deutschen diskutieren schon das Prinzip, die Österreicher müssen davor ihre Hausaufgaben erledigen. Wenn hier weiterhin das parteiliche Kalkül so deutlich vor dem politischen Anstand steht, ist langfristig die Demokratie in Gefahr.
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Publiziert am:
Di, 07.09.2010




