Es muss nicht gleich der Stutzen sein
Das war’s also. Nach den letzten Reden gestern zu Andreas Hofers 200. Todestag ist es endgültig vorbei, das Gedenkjahr 1809-2009. Was hat’s gebracht? Was bleibt? War’s das wert? Fragen, die immer wieder in Diskussionen auftauchen.
Man mag über den Festumzug denken, wie man will – zu teuer, nur traditionsbezogen, umstrittene Transparente –, es war ein grandioses Fest, das mehr als 100.000 Menschen als Teilnehmer und Zuschauer begeistert hat. Es wurde schon viel mehr Geld viel sinnloser ausgegeben.
Wichtiger ist aber, was an Wissen über Ereignisse, Personen und Hintergründe von Anno Neun in den Köpfen der Leute hängengeblieben ist. Die meisten Reden, Vorträge, Publikationen, Theaterstücke und Ausstellungen des Gedenkjahres signalisieren einen Wandel im Geschichtsbild, der vor Jahrzehnten eingesetzt hat, aber bisher nicht zu jedermann durchgedrungen ist. Das Gedenkjahr dürfte es geschafft haben, dass nicht nur 99 Prozent der Tiroler den Namen Andreas Hofer kennen (laut TT-Umfrage von Ende Dezember), sondern dass auch viele etwas mehr als bisher damit anfangen können.
Wenn bei der Befragung eine Alternative zwischen „Freiheitskämpfer“ oder „Volksheld“ einerseits und „überschätzter historischer Figur“ oder „Terrorist“ andererseits vorgegeben gewesen wäre, etwa: „bemerkenswerte Persönlichkeit aus der Tiroler Geschichte“ – ich bin überzeugt, dann hätten viele, wenn nicht gar die Mehrheit, diese Möglichkeit gewählt.
Jeder Schütze der hintersten Reihe weiß heute, dass Andreas Hofer Fehler gemacht hat, dass er an seiner Aufgabe gescheitert ist, dass seine Entscheidungsschwäche und Beeinflussbarkeit in der letzten Phase des Aufstandes verheerend waren für das Land.
Aber auch wer in Hofer immer noch einen Helden sieht, muss nicht unbedingt ein stockkonservativer Hinterwäldler sein. Es ist eine Frage, wie man den Begriff „Held“ versteht. Es dürfte eine Minderheit sein, die heute noch unreflektierte Heldenverehrung betreibt, zumindest was Andreas Hofer betrifft.
Und warum ihn nicht Freiheitskämpfer nennen, auch wenn viele Historiker das Wort nicht mehr hören wollen? Sicher, man hat 1809 nicht diesen Begriff gebraucht. Aber Andreas Hofer hat für Werte gestritten, die er in Gefahr sah. Und er hat dafür gekämpft, so leben zu dürfen, wie er und ein Großteil seiner Landsleute es für richtig und sinnvoll hielten.
Wenn das nicht Freiheit ist, was dann? Und warum soll Andreas Hofer nicht Vorbild sein dürfen? Immerhin hat er sich der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt und sich für seine Überzeugung voll und ganz eingesetzt. Wär’ nicht schlecht, wenn das heute mehr Leute tun würden. Diesbezüglich ein bisschen was dazugelernt zu haben, wäre der schönste Erfolg, den das Gedenkjahr hätte bringen können. Man muss ja nicht gleich zum Stutzen greifen – oft würde es genügen, den Mund aufzumachen.
Michael Forcher ist Historiker und hat für die Tiroler Tageszeitung das Gedenkjahr begleitet. In seinem Buch „Anno Neun“ (Haymon Verlag, 9,90 €) hat er „Ereignisse, Hintergründe und Nachwirkungen“ des Jahres 1809 kompakt und allgemein verständlich zusammengefasst.
Publiziert am:
So, 21.02.2010




