. . . dem ich die Treue halte?!
Du bist das Land, dem ich die Treue halte, sogar wenn ich weit fort bin. Geboren in deiner Hauptstadt, habe ich viele andere Länder aufgesucht und Filme aus vielen anderen Ländern hierher zu dir geholt. Deine Kinos haben sich dem amerikanischen Film verschrieben, obwohl hier so viele Filme aus vielen verschiedenen Ländern hergestellt werden. Deine Bewohner und Bewohnerinnen, vor allem jene, die ins Kino gehen, wissen nun viel über den Alltag im Norden Amerikas, aber die Phantasien der Tiroler und Tirolerinnen kommen höchst selten auf die Leinwände deiner Kinos.
Fehlen vielleicht die Filmemacher und Filmemacherinnen, die sich um heimische Themen kümmern? Mein liebes Tirol, woran liegt es?
An der Kulisse liegt es nicht, die ist toll, auch wenn ich’s mit Helmut Qualtinger halte, wenn er in den Bergen war: Sie sind super zum Anschauen und ich liebe sie, wenn ich fahre. Und an deiner Geschichte kann’s auch nicht liegen, die ist bunt und du hast sie ob deiner Eigenwilligkeit einzigartig gestaltet. Da liegen viele Themen verborgen und da gibt’s noch viel aufzuarbeiten. Das wäre doch was für die vielen Filmfreaks, die es in Tirol gibt. Die würden in Scharen kommen und hätten dann auch noch mehr Ahnung von deiner Vergangenheit.
Und auch die durch die vielen Fremden gewürzte Gegenwart böte sich für Geschichten an. Eine Saga über die neuen Deutschen, die uns auf Almhütten bedienen, bietet sich an. Das stelle ich mir spannend vor. Oder ein Minarettl als Sujet eines Tiroler Filmplakats. Klar, dafür braucht es einen gewissen Mut, den wenige deiner Bewohner und Bewohnerinnen besitzen. Woran liegt das nur, mein Land? Ich frage mich das jeden Tag und komm‘ einfach nicht drauf.
Mein liebes Tirol, du könntest ein ganz berühmtes Filmland sein. Wenn ich mir so vorstelle, ich komme nach Indien oder nach Afrika und werde dies und das gefragt über mein Land, tu‘ ich mich manchmal schwer zu erklären, woher ich komme: aus den Bergen zwischen dem großen Land, wo dieselbe Sprache gesprochen wird, und dem Land, wo die Zitronen blühen.
Mit den Olympischen Spielen kann ich auch kaum prahlen, weil der Winter weit fort kaum vorstellbar ist. Manchmal habe ich einen Werbeprospekt deines Fremdenverkehrsbüros bei mir, in dem die schönen Kulissen abgebildet sind. Aber auch deine Hauptstadt ist nicht ganz so berühmt, dass sie als Selbstverständnis der Allgemeinbildung in fernen Ländern gilt.
Irgendwo beim nördlichen Nachbarn erklärte ein Latino dem anderen, dass ich aus Edinburgh komme. Uff, das hat weh getan. Hätte ich doch einen schönen Spielfilm bei mir gehabt, um den Irrtum aufzuklären!
Ja, mein liebes Tirol, Filme könnten dich berühmt machen, aber woran liegt es nur, woran?
Einer deiner Söhne ist im fernen Los Angeles auf die Liste gesetzt worden, auf die Liste der fünf besten Kameraleute, und dies für einen Film, der im Norden unseres Nachbarn gedreht worden ist. In den Gazetten deines Nachbarn ist leider das Wort Tirol nicht vorgekommen, das schmerzt. Warum nur, warum nur ist das so?
Manchmal ist’s zum aus der Haut zu fahren, bei aller Treue zu dir überlege ich mir dann, fremdzugehen. Aber das wär‘ dir natürlich auch nicht recht, bei deinem Stolz auf deine Leute.
Der Komparatist Helmut Groschup ist Direktor des Internationalen Filmfestivals Innsbruck, Journalist und Autor.
Publiziert am:
So, 14.03.2010




