Leserbrief

Vergessene Botschaft

Thema: Fälle von Missbrauch in kirchlichen Institutionen.

Man muss ein wenig Sorge haben, dass das verstärkte Bekanntwerden von sexuellen Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen und die damit verbundenen gehäuften Kirchenaustritte die zentrale Botschaft ins Abseits geraten lassen, welche die Existenz der Kirche seit 2000 Jahren rechtfertigt.

Der Kern dieser wichtigsten und besten Botschaft, die es für uns Menschen geben kann: Wir sind trotz all unserer Schwächen von einem allmächtigen Gott geliebt und für ein ewiges Leben bei ihm bestimmt. Hoffnung über den Tod hinaus ist wohl die schönste Lebensperspektive. Im Glauben an diesen liebenden Gott gibt es letztlich für einen Menschen keine ausweglose Situation und ist kein Mensch ein aussichtsloser Fall. Dazu kommt, dass das zweite Hauptgebot unseres Glaubens, die Nächstenliebe, das alternativlose Grundsatzprogramm für eine gerechte und friedliche Gesellschaft ist.

Man kann natürlich der Meinung sein, dass man zur Beachtung dieser Gebote keine Kirche benötige. Wenn die genannte Botschaft breite Bevölkerungskreise erreichen und laufend ermutigen soll, braucht es aber unbedingt eine verantwortliche Einrichtung hierfür und braucht es Leute, die sich mit Freude und Begeisterung der Verbreitung dieser besten Botschaft verschreiben.

Man kann deshalb nur hoffen, dass die Diskussion um die Missbrauchsfälle und die damit verbundene Kritik an der Kirche, all die vielen, insbesondere Priester und Ordensleute, die sich engagiert für diese frohe Botschaft um des Lebensglückes der Menschen willen einsetzen, die Freude an ihrer Aufgabe nicht schmälern.

Wir sollten uns auch von der Vorstellung verabschieden, dass die Kirche eine möglichst fehlerlose Institution sei oder zu sein habe. Dass hier auch fehlerhafte und schwache Menschen mit Gottes Hilfe gut zu gebrauchen sind, hat am deutlichsten Jesus selbst bei der Gründung seiner Kirche bewiesen. Er hat, was wohl kein Mensch tun würde, ausgerechnet einen Mann, der ihn vor seinem Tod dreimal verleugnet hat, zu seinem Nachfolger eingesetzt.

Wie man in der gegenwärtigen Situation den „Spagat“ schafft, „die Sünde zu hassen und den Sünder zu lieben“, ist jetzt natürlich eine große Herausforderung. Die Bedingung für das Recht, den ersten Stein zu werfen, hat Jesus genannt.

Josef Willi 6020 Innsbruck

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 20.03.2010

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Publiziert am:
Sa, 20.03.2010
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