Schutz ist das gute Recht der Kinder

Kinder müssen gewaltfrei aufwachsen können. Elisabeth Harasser plädiert für Zusammenarbeit und Zivilcourage.

Die erschütternden Fälle von Missbrauch und Gewalt an Kindern und Jugendlichen in kirchlichen und weltlichen Einrichtungen zwingen die Verantwortlichen, endlich Stellung zu beziehen. Was jahrzehntelang vertuscht wurde, obwohl viele davon wussten, kommt jetzt ans Licht. Es ist höchste Zeit, hinter die Fassaden zu schauen und schonungslos aufzudecken, welches Unrecht Kindern und Jugendlichen widerfahren ist.

Für die Opfer wird es kaum Genugtuung geben, sie leiden ihr Leben lang an ihren traumatischen Erlebnissen. Unsere Aufgabe ist es, diesen Menschen Gehör zu schenken, ihnen zu versichern, dass sie ernst genommen werden und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Geschichte zu erzählen. Man sollte darüber hinaus aber nicht übersehen, dass die Gefahr physischer und psychischer Übergriffe auf Kinder und Jugendliche in Institutionen und (sehr viel häufiger) in Familien auch gegenwärtig besteht. Selbst heute noch werden solche Ereignisse vertuscht, werden die Opfer auf jede nur erdenkliche Art und Weise unter Druck gesetzt, um das Schweigegebot einzuhalten. Wo Kinder und Jugendliche der Autorität, der Macht von Erwachsenen ausgeliefert sind, muss genau hingesehen werden, um Signale und Hilferufe zu erkennen.

Gewalt in der Erziehung hat eine lange Tradition. So wurde in Österreich erst 1989 (!) jegliche Anwendung physischer und psychischer Gewalt in der Erziehung gesetzlich verboten. Zusätzlich bekräftigt wird diese Forderung durch die UN-Kinderrechtekonvention, die Österreich 1992 zwar ratifiziert, aber noch immer nicht in die Bundesverfassung integriert hat.

In diesem völkerrechtlichen Vertrag verpflichten sich die unterzeichnenden Staaten, alle Maßnahmen zu treffen, um Kinder und Jugendliche vor jeder Form von Gewalt und Ausbeutung zu schützen. Doch obwohl durch verschiedenste Handlungsweisen Kinderrechte regelmäßig verletzt werden, sind diese Maßnahmen auch heute noch vielfach sozial akzeptiert. Für manche Menschen sind körperliche Übergriffe, Demütigungen und Beleidigungen gebräuchliche erzieherische Methoden. Die davon Betroffenen erleben diese Bestrafung als normal (!) und sind sogar davon überzeugt, selbst schuld zu sein, wenn sie zum Opfer werden („weil ich nicht brav war“). Hier gilt es anzusetzen, indem wir uns ganz klar zur gewaltlosen Erziehung bekennen und diese auch einfordern! Broschüren zu „Gewalt an Kindern“, „Erziehen – aber richtig“ etc. sind kostenlos in der Kinder- und Jugendanwaltschaft erhältlich.

Fest steht, dass Kinder und Jugendliche einen erhöhten Anspruch auf Schutz haben, der mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu gewährleisten ist. Es sind zusätzliche finanzielle Ressourcen nötig, um die Weichen für ein gewaltfreies Aufwachsen stellen zu können.

Empfehlungen wird auch die Gruppe von Experten und Expertinnen, die sich momentan mit den Vorfällen in den Tiroler Heimen beschäftigt, erarbeiten und in der Erwartung auf Umsetzung an die Landesregierung weiterleiten.

Gewaltprävention beginnt bei der Elternbildung, setzt sich im Kindergarten, in der Schule, aber auch im außerschulischen Umfeld fort. Wir brauchen dringend ein psychosoziales Netzwerk für Eltern und Kinder, und zwar von Geburt an bis ins junge Erwachsenenalter. Es können nicht nur Verantwortung und Zuständigkeit für einen abgegrenzten Bereich übernommen und zwischen verschiedenen Systemen hin und her geschoben werden. Neben fachlicher Kompetenz bedarf es einer systemübergreifenden Zusammenarbeit aller involvierter Stellen, verbunden mit Zivilcourage der handelnden Personen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 11.07.2010
Tiroler Tageszeitung
Publiziert am:
So, 11.07.2010
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