19.07.2010, 14:39  Aktualisiert: 16.02.2011, 10:21 

Österreich

Tierschützer-Prozess mit dem „Kronzeugen“ der Anklage

Nach einer einmonatigen Pause wurde am Montag der Tierschützer-Prozess in Wiener Neustadt fortgesetzt.

Wiener Neustadt – Der Wiener Neustädter Prozess gegen 13 Tierschützer ist am Montag nach einmonatiger Pause fortgesetzt worden. Befragt wurde ein Vorgänger des Erstangeklagten als Obmann des Vereins Gegen Tierfabriken (VGT), der bereits im Juni massive Anschuldigungen gegen Martin Balluch erhoben hatte und sich - nach seinen Angaben als einziger Zeuge der Anklage aus der Tierschutzszene - als „Kronzeugen“ der Staatsanwaltschaft bezeichnete.

Er räumte zunächst ein, selbst Tierbefreiungen durchgeführt zu haben, wobei er drei Angeklagte belastete: Bei der Aktion in Heidenreichstein im Waldviertel in den 1990ern habe man zu zehnt die Nerze aus den Käfigen der damals letzten noch bestehenden Nerzfarm Österreichs geholt - dabei gewesen seien neben Balluch dessen Bruder und der Drittbeschuldigte.

Der Tierarzt zeigte sich überzeugt davon, dass einige der Zuchttiere die symbolisch zu sehende Aktion mit dem Ziel des Zuchtverbots überlebt hätten. In Abrede stellte er, Bekennerschreiben verfasst zu haben - offensichtlich seien Teile seines Flugblatts dafür verwendet worden.

Dezidiert in Erinnerung sei ihm, Balluch am 5. Jänner 2000, dem Abend vor dem Brandanschlag auf eine Hühnerfarm in Pummersdorf (Bezirk St. Pölten) - Richterin Sonja Arleth sprach von einem „exorbitanten“ Schadensausmaß - mit dem Auto aus der Mariazeller Gegend kommend in St. Pölten abgesetzt zu haben. Arleth verlas dazu aus einer Niederschrift der führenden Soko-Ermittlerin, wonach der Zeuge hinsichtlich der Brandstiftungen u.a. in Pummersdorf und beim Zirkus Knie von der Täterschaft Balluchs überzeugt sei, aber leider keine Beweise liefern könne.

Das schwächte der Zeuge heute mit Hinweis darauf ab, dass es sich um ein Gedächtnisprotokoll und nicht den genauen Wortlaut handle. Dieselbe Argumentation galt später seinem zitierten Vergleich Balluchs mit Hitler: So krass habe er das sicher nicht gesagt, der Name Hitler dürfte aber gefallen sein.

Das vormals freundschaftliche Verhältnis schlug in einen Konflikt um. Balluch, der ihm die Unterschlagung von Spendengeldern vorwerfe, habe den Verein an sich reißen wollen, was ihm ja auch gelungen sei - er, der damalige Obmann, sei fristlos entlassen, seine Datenbank gestohlen und seine jahrelange Aufbauarbeit vernichtet worden.

Der Spendentopf für NGO‘s und Tierschutzorganisationen sei begrenzt, ortete der Zeuge, der einen neuen Verein gründete, ein jahrelanges Konkurrenzverhältnis - und einen tiefen Riss durch die Organisationen. Die „Balluch-Hörigen“ würden die anderen „mobben“, der frühere „spirit“ sei verlorengegangen.

Der „Krieg“, den Balluch vom Zaun gebrochen habe, sei „einmalig“ in der österreichischen Tierschutzgeschichte, sprach der Zeuge von „eisern betriebener“ Ausgrenzung seines neuen Vereins. Unter Aufzählung zahlreicher Anzeigen, „Verleumdungen“ und „Rufmordgeschichten“ erneuerte er seine Meinung, Balluch würde ihn persönlich „abgrundtief“ hassen - dieser Eindruck ist wohl, wenn man sich an die Balluch-Stellungnahme im Juni erinnert, wechselseitig.

Das Verfahren, in dem sich die Beschuldigten wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation (§278a) und sieben davon auch wegen weiterer Delikte verantworten müssen, hat am 2. März begonnen. Dem heutigen 35. Verhandlungstag folgen in dieser Woche Termine am Mittwoch und Donnerstag. (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 19.07.2010  14:39
aktualisiert: Mi, 16.02.2011  10:21
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