25.07.2010

Innsbruck

Vergewaltigte Frauen: Nur zwei Prozent wagen Anzeige

Viele Frauen wagen nicht, eine Vergewaltigung anzuzeigen. Grund: Die Täter kommen auch in Tirol hauptsächlich aus dem sozialen Umfeld.

Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – In Österreich kommt es jährlich zu rund 600 Anzeigen wegen Vergewaltigung und zu 500 Anzeigen wegen geschlechtlicher Nötigung. In Tirol gab es im ersten Halbjahr 2010 (Jänner bis Juni) 162 Anzeigen wegen strafbarer Handlungen gegen die Sittlichkeit, worunter sowohl Vergewaltigung und Nötigung als auch Zuhälterei, Missbrauch etc. fallen.

Rechnet man laut Doris Stauder vom Tiroler Verein „Frauen gegen VerGEWALTigung“ die Dunkelziffer von 1:10 ein, so ergibt sich für Tirol wie für Gesamtösterreich eine deutlich höhere Zahl. Obwohl viele Frauen Opfer von sexueller Gewalt sind, wird Stillschweigen bewahrt. „Der Grund, warum es nur in circa zwei Prozent der Fälle zu einer Anzeige kommt, liegt darin, dass die Täter hauptsächlich aus dem sozialen Umfeld der Frau kommen. Die Angst der betroffenen Frauen ist hier einfach zu groß. Das geschehene Gewaltverbrechen wird somit eher verschwiegen“, sagt Stauder. Dazu kommt – glaubt Stauder – dass das Thema Vergewaltigung in den entlegenen Regionen Tirols „sicherlich noch mehr tabuisiert ist als in den Städten“.

Aber auch diejenigen Frauen, die den Schritt nach außen wagen, können nicht oft damit rechnen, dass der Vergewaltiger für sein Unrecht zur Verantwortung gezogen wird. Im Verein Frauen gegen VerGEWALTigung werden laut Stauder derzeit 80 Prozent der Verfahren eingestellt, bevor es zu einem Strafverfahren kommt. „Die Traumatisierung von betroffenen Frauen wird sowohl bei der Polizei als auch bei Gericht zu wenig berücksichtigt“, kritisiert der Verein (erreichbar unter der Innsbrucker Nummer 574416, Montag und Freitag 9 bis 12 Uhr und Dienstag und Donnerstag 9 bis 16 Uhr).

Der Verein, der 1982 von mehreren Frauen gegründet wurde, bietet Beratung für betroffene Frauen und Mädchen ab dem 16. Lebensjahr an. Die Beratungen sind vertraulich und kostenlos. Im Falle einer Anzeige hat jede Betroffene Anspruch auf für sie kostenlose psychosoziale wie juristische Prozessbegleitung, die der Verein anbietet, sagt Stauder.

Vergangenes Jahr hat der Verein Frauen gegen VerGEWALTigung eine Informationsbroschüre zum Thema sexualisierte Gewalt in deutscher und türkischer Sprache herausgegeben, der mittlerweile an „vielen für Frauen relevanten Orten aufliegt und österreichweit auf großes Interesse stößt“, so Stauder.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 25.07.2010
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