05.09.2010, 08:21  Aktualisiert: 03.03.2011, 16:49 

Nahrungskrise

Ein paar Cent entscheiden zwischen Leben und Tod, Gewalt und Frieden

Nur ein paar Cent Preissteigerung von manchen Lebensmitteln können in manchen Ländern schon Hungern für Millionen Menschen bedeuten.
Mehr zum Thema

Johannesburg – In den ärmsten Ländern der Welt können nur wenige Cent entscheidend sein für das Überleben. Wenn wie in Mosambik der Laib Brot über Nacht teurer wird, droht vielen Menschen Hunger.

Die Wut über die Preiserhöhungen durch die Regierung entlud sich in der vergangenen Woche in Protesten, die mindestens zehn Menschen das Leben kosteten. Die Demonstrationen wecken Erinnerungen an das Jahr 2008, als es angesichts hoher Nahrungsmittelpreise weltweit zu Unruhen kam.

Allein in den vergangenen zwei Monaten stiegen die Nahrungsmittelpreise in der ganzen Welt um fünf Prozent. Dies bekamen nicht nur afrikanische Länder, sondern auch Asien, der Nahe Osten und Europa zu spüren.

In Ägypten, wo die Hälfte der Bevölkerung von staatlich subventioniertem Brot abhängig ist, kam es zu gewaltsamen Protesten, die einen Menschen das Leben kosteten.

Die Krise könnte auch Einfluss auf die bevorstehende Parlamentswahl haben, weil die Legitimation der Regierung von ihrer Fähigkeit abhängt, die Menschen mit billigem Brot zu versorgen.

In Pakistan stiegen die Preise für Lebensmittel nach den verheerenden Überschwemmungen um 15 Prozent. Ein Fünftel der Ernte wurde vernichtet, die Verteilung von Obst, Gemüse und Getreide ist angesichts zerstörter Straßen schwierig.

In China drohte die Regierung Preistreibern mit drakonischen Strafen, während in Serbien wegen einer angekündigten Preiserhöhung für Speiseöl um 30 Prozent in der kommenden Woche mit Demonstrationen gerechnet wird.

Im Senegal wollte der Wachmann Djiba Sidime auf dem Markt in Dakar einen Sack Reis kaufen. Dort erfuhr der 29-Jährige, dass der Preis von 30 Dollar auf rund 38 Dollar gestiegen war. Diese Steigerung ist keine Kleinigkeit in einem Land, in dem die meisten Menschen von etwa vier Dollar am Tag leben.

Sidime sagte, er werde sich deswegen keine neue Kleidung kaufen können. „Natürlich bin ich frustriert“, erklärte er.

Weizenernte fünf Prozent geringer als 2009

Die Preise für Nahrungsmittel auf den Weltmärkten seien derzeit so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr, erklärte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) am Mittwoch.

Zwischen Juli und August seien sie um fünf Prozent gestiegen. Die FAO erwartet in diesem Jahr eine weltweite Weizenernte von 648 Millionen Tonnen. Das wären fünf Prozent weniger als 2009. Verantwortlich dafür war unter anderem die lange Trockenzeit in Russland.

Trotz allem sehen Experten wenig Parallelen zwischen der aktuellen Lage auf den Weltmärkten und der Krise von 2008, die auf höhere Rohölpreise und eine steigende Nachfrage nach Bio-Treibstoffen zurückgeführt wurde. Damals waren die Nahrungsmittel-Vorräte weltweit auf ihren niedrigsten Stand seit 1982 gefallen.

Maximo Torero vom Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungspolitik erklärte, die USA, Kanada und andere Länder hätten gute Ernten verzeichnet. Nun müssten überhastete politische Entscheidungen, wie Exportverbote, vermieden werden.

Im Fall von Mosambik seien die Preise von der Regierung aufgrund von Wechselkursverschiebungen erhöht worden, sagte Torero weiter. Es gebe keinen Zusammenhang mit einer möglichen Verknappung des Angebots.

In Mosambik stieg der Preis für einen Laib Brot im vergangenen Jahr um 25 Prozent – von etwa vier auf fünf US-Cent. Die Preiserhöhungen haben dramatische Folgen, schließlich lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Armut.

Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt umgerechnet lediglich 802 Dollar, während es im benachbarten Südafrika bei 9.757 Dollar liegt.

Landeswährung gefallen

Und doch hat sich Mosambik von einem Bürgerkrieg erholt, der nach der Unabhängigkeit von Portugal 1975 das Land 17 Jahre lang erschütterte. Zwischen 1994 und 2006 wuchs die Wirtschaft jährlich um rund acht Prozent. Mosambik gilt als stabil und ist inzwischen auch ein beliebtes Touristenziel.

Die Auseinandersetzungen begannen am Mittwoch in Maputo, als Demonstranten zunächst friedlich durch die Hauptstadt zogen. Dann warfen sie jedoch Steine, zündeten Autoreifen an und plünderten Geschäfte.

Die Polizei schoss auf die Demonstranten. Mindestens zehn Menschen wurden getötet. Die Regierung rief zur Ruhe auf und erklärte, sie könne wenig gegen die Preiserhöhungen tun.

Weil der Wert der Landeswährung, des Neuen Metical, gefallen sei, seien die Importe teurer geworden. Die Regierung verwies darauf, dass Mosambik lediglich 30 Prozent seines Weizenbedarfs selbst decken könne. Die Preiserhöhungen treffen die Schwächsten am härtesten.

Schon jetzt sind 44 Prozent der Kinder in Mosambik wegen der Mangelernährung körperlich nicht altergerecht entwickelt. Fast 20 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind untergewichtig. (apn)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom So, 05.09.2010  08:21
aktualisiert: Do, 03.03.2011  16:49
Vorteilszone
Partyfotos
Gewinnspiele
Parship
radio.at
Unterkunftssuche
Panoramabilder
Panoramabilder
"HEISZE TASTEN"
Panoramablick
AGB Kontakt Impressum