09.09.2010

International

Entrüstung über Koranhasser

„Schrecklich“, „abstoßend“, „unerträglich“: Weltweit ruft die geplante Koranverbrennung christlicher Fundamentalisten in Florida Empörung hervor. Über alle Religionsgrenzen hinweg.

Washington – Ungeachtet der Proteste hoher politischer und religiöser Vertreter in den USA hält der Pastor einer kleinen radikalen christlichen Gemeinde in Florida an seinem Plan fest, zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 mehrere Exemplare des Korans zu verbrennen. US-Außenministerin Hillary­ Clinton sprach von einem „respektlosen, schändlichen Akt“. Justizminister Eric Holder nannte das Vorhaben „idiotisch und gefährlich“. Der Kommandant der US-Truppen in Afghanistan, David Petraeus, hatte zuvor gewarnt, dass die Aktion Anschläge gegen US-Soldaten provozieren könnte.

Außenministerin Clinton sprach anlässlich eines Iftar-Mahls zum Fastenbrechen im islamischen Monat Ramadan in Washington und sagte: „Ich fühle mich ermutigt von der klaren, unmissverständlichen Verurteilung dieses respektlosen, schändlichen Akts“ durch führende Vertreter aller Glaubensrichtungen in den USA. Clintons Sprecher Philip Crowley sprach von einer Provokation. Es zeige Respektlosigkeit gegenüber einer Religion. Er betonte zugleich, die Welt dürfe Amerika „nicht an der Aktion eines Pastors oder 50 seiner Anhänger“ messen. Die Stadtverwaltung des Ortes Gainesville habe die an diesem Samstag geplante Aktion zwar verboten. Es sei aber unklar, ob sich der Pastor daran halten werde.

Pastor Terry Jones vom fundamentalistischen Dove World Outreach Center in der Kleinstadt Gainesville erklärte jedoch, er wolle die Verbrennung des heiligen Buchs der Muslime trotz der Proteste nicht absagen. „Wir müssen eine klare Botschaft an den radikalen Islam senden, dass wir seine Drohungen und die Verbreitung von Angst hier bei uns in Amerika nicht tolerieren“, erklärte er. Pastor Jones hat den heurigen 11. September zum „Internationalen Tag der Koranverbrennung“ erklärt. Damit solle der Opfer der Anschläge vor neun Jahren gedacht und dem radikalen Islam eine klare Absage erteilt werden. Der Koran „ist für den 11. September verantwortlich“, sagte er in einem Video auf der Website seiner Gemeinde. „Der Islam ist eine schlechte Religion.“

In Washington verurteilten­ auch religiöse Führer die Verbrennung des heiligen Buches der Muslime. Es handle sich um ein „besonders ungeheuerliches“ Vorhaben, meinten muslimische, christliche und jüdische Vertreter. Auch mit Blick auf die hitzige Debatte über den geplanten Bau eines muslimischen Kulturzentrums nahe dem Ort der verheerenden Anschläge vom 11. September in New York mahnten sie religiöse Toleranz in den USA ein. Sie beklagten eine „steigende Welle von Angst und Intoleranz“ in den USA. Auch NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen äußerte sich besorgt: Koranverbrennungen widersprächen „allen Werten, für die wir stehen und für die wir kämpfen“.

Der Koran ist das heilige Buch der Muslime, dessen arabischsprachiger Text ihrem Glauben nach dem Propheten Mohammed wörtlich von einem Engel diktiert wurde. Die Muslime verlangen, dass gedruckte Ausgaben des Koran mit höchstem Respekt behandelt werden. Verstöße werden als zutiefst beleidigend empfunden und haben in der Vergangenheit wiederholt gewalttätige Reaktionen ausgelöst. 2006 hatten Karikaturen des Propheten Mohammed in dänischen Medien gewaltsame Proteste in der islamischen Welt ausgelöst, bei denen über 20 Menschen getötet wurden. In Kabul ist es wegen der geplanten Koranverbrennung bereits zu Protesten gekommen. Wütende Gläubige verbrannten US-Flaggen und riefen „Tod Amerika“. Auch der UNO-Sondergesandte in Afghanistan, Staffan de Mistura, zeigte sich über die Aktion empört.

Prediger Jones hat jahrelang eine freikirchliche Gemeinde in Köln geleitet. Der Fundamentalist habe die „Christliche Gemeinde Köln“ 1982 auf göttliche Inspiration gegründet und bis vor wenigen Jahren geleitet, erklärte Gemeindesprecher Thomas Müller. Die Glaubensgemeinschaft distanzierte sich gleichzeitig entschieden von den Plänen ihres Gründers zur Koranverbrennung. „Wir sind absolut bestürzt darüber. Das ist völlig unchristlich“, sagte Müller. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat die geplante Koranverbrennung scharf verurteilt. EKD-Auslandsbischof Schindehütte sprach von einer „unerträglichen Provokation“. Auch die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, ist empört: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“(TT-jec, APA, dpa)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 09.09.2010
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