31.07.2010

„Die TV-Verdummung nimmt zu“

Im TT-Interview spricht der deutsche Medien- und Literaturwissenschafter Alexander Kissler über die Untiefen des Fernsehens, Schadenfreude, fehlende Sachlichkeit und Gesichter, die wichtiger als Geschichten sind.

In Ihrem Buch „Dummgeglotzt“ durchforsten Sie das private und öffentlich-rechtliche Fernsehen nach seinen Untiefen – und werden am laufenden Band fündig. Blöd gefragt: Macht das Fernsehen doof?

Alexander Kissler: Meine These ist, dass die Stellen im privaten wie öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die darauf angelegt sind, die Leute doof zu machen, immer mehr zunehmen. Das soll nicht heißen, dass Fernsehen grundsätzlich verblödet, aber die Formate, die verdummende Kräfte haben, nehmen zu.

Aber warum schaut die Masse so gern zu, wenn C-Promis im „Dschungelcamp“ Maden essen, Mädels in „Germany‘s Next Topmodel“ über den Laufsteg stolzieren oder Landwirte bei „Bauer sucht Frau“ flirten?

Kissler: Zum einen wird ein im Menschen angelegtes Bedürfnis befriedigt, das nicht zu den besten Neigungen gehört: die Schadenfreude. Man guckt gerne zu, wie sich andere blamieren und zum Affen machen. Man schaut das Misslungene oft lieber an als das Gelungene, weil man sich relativ leicht und mit wenig intellektuellen Voraussetzungen über andere erheben kann. Zum anderen schaffen es Formate wie „Germany‘s Next Topmodel“ oder „Deutschland sucht den Superstar“, Geschichten in mehreren Etappen zu erzählen. Es geht letztendlich nicht darum, dass man die beste Stimme oder das hübscheste Mädchen findet – vielmehr ist alles als Soap angelegt. Von Anfang an werden bestimmte Persönlichkeiten herausgezogen, denen man Geschichten andichten kann, die wichtiger sind als die Frage, ob sie singen oder stöckeln können. Da gibt es dann die Kandidatin, deren Mutter einen Gehirntumor hat oder den Kandidaten, der im Kosovo den Bürgerkrieg miterlebt hat. Und in jeder Folge wird eine neue Etappe dieser Geschichte erzählt, was dazu führt, dass der Zuschauer dranbleiben will.

Hat der Casting-Boom ein Ablaufdatum?

Kissler: Jeder Trend ist irgendwann zu Ende. Wir haben ja auch lange gedacht, dass Gerichtsshows und nachmittägliche Talkshows unverzichtbar sind, aber diese beiden Trends sind eindeutig ausgelaufen.

Sie bringen auch den Begriff der „Kernerisierung“ ins Spiel. Was ist darunter zu verstehen?

Kissler: Der Namensgeber Johannes B. Kerner ist mittlerweile ja dort gelandet, wo er einst hergekommen ist: beim Privatfernsehen. Dort hat er allerdings Quotenprobleme, weil er auf ein Umfeld gestoßen ist, das ihn noch nicht gewohnt ist. Und genau das meint „Kernerisierung“ – wir haben ein Gesicht, das durch verschiedene Formate wie Quizshows, Sportsendungen oder seichte Plaudereien hindurchgejagt wird. Dieses Gesicht ist dann auch der Einschaltgrund, weil es durch eine massenhafte Penetranz in die Hirne hineingehämmert wurde. „Kernerisierung“ meint, dass der Promifaktor desjenigen, der die Geschichten erzählt, wichtiger ist als die Geschichten selbst. Weil Kerner bei Sat.1 aber nur mehr ein Gesicht unter vielen ist, hat er jetzt Probleme.

Sie prangern auch die Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden an und kritisieren, dass Information hier durch eine „Gier nach Grusel und Gefühl“ ersetzt wurde. Ein Ausreißer oder ein Trend?

Kissler: Solche Fälle wie Winnenden werden in der Nabelschau der Medien immer als Ausreißer verkauft. Die Häufigkeit, mit der sie sich ereignen, führt aber dazu, dass man schon von einem Trend sprechen muss. Das liegt daran, dass das Fernsehen – auch das öffentlich-rechtliche – keine Sprache, keine Begrifflichkeit und keine Gedankenschärfe mehr hat, um mit solch katastrophalen und traurigen Themen umzugehen. Man setzt fast ausschließlich auf das Bild und jagt nach O-Tönen, die Betroffenheitsjargon sammeln. Man traut sich nicht, sich aus dem Studio heraus einem bestimmten Phänomen sachlich, nüchtern und mit einer gewissen Distanz analytisch zu nähern. Das Misstrauen gegenüber dem Wort ist übrigens bei fast allen Nachrichtenredaktionen spürbar. Und das führt dazu, dass man in den Momenten, wo Wort und Gedanke notwendig wären, weder Wort noch Gedanke zur Verfügung hat.

Sie raten, die TV-Zeiten einzuschränken, auszuschalten, um frei zu sein. Aber irgendetwas werden wir doch noch schauen dürfen?

Kissler: Ich sage nicht, dass man gar nicht mehr fernsehen soll. Das Fernsehen ist nach wie vor eine der wichtigsten Stimmen in der gesellschaftlichen Debatte und man sollte auch mitbekommen, was dort wie verhandelt wird. Allerdings sollte man als Selbstschutz aus dieser Strategie aussteigen, der auch die öffentlich-rechtlichen Sender unterliegen – nämlich, dass man das ganze Programm als eine einzige Strecke betreibt. Man sollte sich das Recht herausnehmen, selbst zu entscheiden, was man schaut, und sich nicht vom Fernsehen unterwerfen lassen.

Wie viele Stunden pro Tag verbringen Sie vor dem Fernseher?

Kissler: Während ich das Buch geschrieben habe, habe ich unglaublich viel ferngesehen – natürlich auch zu Recherchezwecken. Nach Abschluss des Projekts habe ich mein Fernsehverhalten aber eingeschränkt. Mittlerweile komme ich über zwei Stunden nicht mehr hinaus.

Das Gespräch führte Christiane Fasching

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