07.02.2010

Gesundheit

Meine Niere für eine Fremde

Mit einer Massentransplantation haben US-Mediziner für Aufsehen gesorgt. 13 gesunde Menschen haben dabei eine ihrer Nieren für ihnen unbekannte Empfänger gespendet. Ein Verfahren, das auch in Österreich möglich wäre.
Tom Ottens gesunde Niere – ein Segen für die Empfängerin.Foto: AP
Infobox

Bei Blutgruppen-Unverträglichkeit könnten Über-Kreuz-Spenden helfen

Blutgruppen-Verträglichkeit: Damit der Empfänger eine Spenderniere nicht abstößt, müssen die Blutgruppen des Nierenpatienten und des Spenders zusammenpassen. Patienten mit Blutgruppe AB vertragen Nieren von Spendern der Gruppen AB, A, B und O. A- oder B-Patienten nehmen Organe ihres eigenen Typs und von 0 an. Die Niere eines O-Spenders ist somit für alle Blutgruppentypen verträglich. 0-Empfänger vertragen hingegen nur ihre eigene Blutgruppe.

Über-Kreuz-Transplantation: Oft haben Patienten zwar einen Menschen, der ihnen eine Niere überlassen würde, dessen Bluttyp aber nicht zu ihrem eigenen passt. Um diesen Nierenpatienten zu einer Lebendspende zu verhelfen, haben US-Mediziner im vergangenen Dezember mehrere solcher Paare – Freunde, Verwandte oder Partner – zusammengeführt und dann die Spenderorgane über Kreuz transplantiert. Drei Menschen haben ohne Eigennutz eine Niere gespendet.

Von Christian Willim

Jeder Mensch kann sein Herz an einen anderen verlieren. Nur spenden kann er es nicht, auch wenn das das Leben jener Person retten würde, die er von Herzen liebt. Anders wenn ein Freund, Ehepartner oder Verwandter eine Niere braucht. Die Reinigungszentrale des Körpers ist bei gesunden Menschen zweifach vorhanden. Und da eines dieser Organe bei Bedarf die Aufgaben seines „Zwillings“ mitübernehmen kann, ist dieser verzichtbar.

Tom Otten hätte nur zu gerne eine seiner Nieren gespendet. Seiner Frau. Bei ihr hatten die beiden überlebenswichtigen Organe ohne Vorwarnung von einem Tag auf den anderen versagt. Doch die Lebendspende des Polizisten aus St. Louis für die 40-Jährige war nicht möglich. Die Blutgruppen der beiden passten nicht zueinander (siehe Info-Box).

Doch ein Projekt des Georgetown University Hospital gab den beiden wieder Hoffnung. Um Menschen wie den Ottens zu helfen, haben die Ärzte des Spitals Paare mit dem gleichen Problem zusammengebracht und dann Spender und Empfänger gemischt. Tom überließ seine Niere Roxanne Boyd Williams – einer 30-jährigen Mutter. Dafür bekam seine Frau ein Organ von einer jungen Spenderin, die damit ihrerseits einer Verwandten eine gesunde Niere sicherte, usw. Eine Kettenreaktion – vervollständigt durch drei altruistische Spender, die ihre Niere ohne Eigennutzen an irgendjemanden spenden wollten.

Innerhalb von sechs Marathon-OP-Tagen wurden so bei 26 Eingriffen 13 Nieren verpflanzt. Ein Segen für jene Patienten, die sonst weiter darauf hoffen hätten müssen, dass ein passender Organspender sein Leben aushaucht. „Es ist ein großes Geschenk, jemandem etwas so selbstlos zu schenken“, zeigte sich Williams zwei Wochen nach dem Eingriff bei einem Zusammentreffen mit ihrem Retter Ottens daher überglücklich.

Denkbar wären solche Über-Kreuz-Spenden auch in Österreich. „Wir haben solche Transplantationen, bei denen Spender und Empfänger nichts miteinander zu tun haben, bislang noch nicht gemacht. Rein rechtlich wäre es aber möglich, wenn es keinen kommerziellen Aspekt dabei gibt“, weiß Univ.-Prof. Johann Pratschke, Direktor der Univ.-Klinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie in Innsbruck. Bislang seien österreichweit lediglich in Wien solche Paare zusammengeführt worden. Jedoch nicht in derart großem Stil.

Das US-Domino-Modell würde auch Pratschke ganz gut gefallen. „Es wäre nicht schlecht, eine Tauschbörse zu haben. Es bräuchte aber eine Plattform.“ Dafür müssten sich die österreichischen Transplantkliniken in Innsbruck, Linz, Graz und Wien vernetzen. Dadurch würde sich der Pool von verfügbaren Organen vergrößern lassen.

Organspender sind generell Mangelware. So müssen laut Pratschke immer wieder Menschen, die auf ein Herz, eine Lunge oder eine Leber warten, sterben, weil sie nicht rechtzeitig Ersatz bekommen. „Bei Nierenpatienten gibt es auf der Warteliste zwar keine Mortalität, weil es mit der Dialyse ein Verfahren zur Überbrückung gibt. Die Dialyse verkürzt jedoch die Lebenserwartung“, so der Chirurg. Darum sei es am besten, wenn Patienten bereits vor dem Blutreinigungsverfahren eine neue Niere bekommen.

„Auf die Transplantationsliste kommt man aber erst, wenn man dialysepflichtig ist“, weist der aus Deutschland stammende Experte auf ein Problem hin. Und genau darum sind auch Lebendspenden von Verwandten und Freunden ein wichtige Option für Nierenpatienten. Passen deren Blutgruppen jedoch nicht zusammen, gibt es seit etwa zehn Jahren ein Verfahren, das das Spenderorgan kompatibel macht – die so genannte „ABO-Transplantation“.

Mithilfe einer speziellen Dialyse werden vor dem Organtausch Antikörper aus dem Blut des Empfängers gefiltert. Damit wird eine Abstoßungsreaktion verhindert.

Pratschke war unter den Ersten, die dieses Verfahren angewandt haben, und hat mittlerweile rund 20 solcher Transplantationen durchgeführt. Immer bei Ehepaaren. Dass diese Methode nicht öfter zum Einsatz kommt, hat einen guten Grund: „Sie ist sehr teuer.“

Über-Kreuz-Spenden hätten somit auch vom finanziellen Standpunkt her gesehen Vorteile. Für die Betroffenen könnten sie aber vor allem die Wartezeit verkürzen und somit ihre Lebenserwartung erhöhen. Allein in Tirol befinden sich derzeit etwa 350 Personen auf der Warteliste. Wie lange sie dort ausharren müssen, hängt von ihrer Blutgruppe ab.

Die besten Chancen haben Menschen mit Blutgruppe AB, da sie Organe von Spendern aller anderen Blutgruppen vertragen. Sie sind sozusagen der Idealempfänger und warten daher im Schnitt lediglich drei Monate auf Ersatz. Am längsten ausharren müssen Menschen mit der Blutgruppe 0, die ironischerweise Idealspender sind. Ihre Nieren werden von allen anderen Blutgruppentypen angenommen. Sie selbst müssen vier bis sechs Jahre auf ein Spenderorgan warten.

Für jene dreizehn Glücklichen, die Teil des Organpuzzles in den USA waren, ist die nervenaufreibende und körperschädigende Wartezeit vorüber. Ein Modell, das Schule machen könnte. Auch in Österreich.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 07.02.2010
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